Blair Witch Project

(USA 1999; Regie: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez)

Aktenzeichen XY

Ein No-Budget-Film als Horror-Welterfolg, Fälschung und Hypertext: ‚The Blair Witch Project‘ zeigt, wie Jugendliche, die an Hexen glauben, sich verirren; erst im Wald, dann im Internet.

‚Ihr redet nur von den Projekten und von eurem neuen Stück.
Manchmal frag ich mich, bin ich oder ihr verrückt.‘
Tocotronic

Der letzte Sommer war ein Horror-Sommer, zumindest in den US-Kinos, woraus sich für Österreich ein Horror-Winter ergibt: ‚The Haunting‘ blockiert noch mehrere Säle, mit ‚House on Haunted Hill‘ kommt bald ein weiterer Spukhaus-Film, und ‚Stigmata‘ weckt in den USA gerade Erinnerungen an den ‚Exorzist‘ (dessen Hauptdarstellerin Linda Blair hieß). ‚The Blair Witch Project‘ reitet auf einer Welle mit, die den Horror verschiebt: von der an Ekelgrenzen rührenden Fleischlichkeit des ‚body horror‘ (Splatter und Cyberpunk der Achtziger) zu einem eher atmosphärischen Gruseln. Schon 1998 deuteten die spukhausartigen SciFi-Ambientes von ‚Event Horizon‘ und ‚Sphere‘ eine Neue Unheimlichkeit an, die sich nun prätechnologischer Sujets bedient: Geister, Teufel und die ‚Blair Witch‘. Von der sieht man im nach ihr benannten Film nur Spuren – geflochtene Talismännchen, ein ausgerissener Zahn –, hört man nur Schreie und Rascheln im Wald. Gezeigt wird sie nicht, und zwar deshalb, weil es sie gibt. ‚Blair Witch Project‘, von Haxan Films, einem Team von Filmstudenten aus Florida, um 35.000 Dollar gedreht, ist eine gruslige, minimalistische ‚Fake-Doku‘, eine gefälschte Dokumentation zwischen Reality-TV und Found Footage.

1994 verschwanden drei Filmschul-Studis bei Arbeiten an einer Reportage über eine Hexenlegende in den Wäldern von Blair, unweit von Washington; gefunden wurde nur ihr gedrehtes Material. Diese auf den Werbeträgern sowie am Beginn des Films zu lesende Behauptung ist der Parameter, unter dem das Gezeigte verstanden sein will: Zwei Burschen und ein Mädchen interviewen Dorfleute, irren tagelang durch den Wald, werden nachts von der Hexe umspukt, leiden an panischer Angst und Erschöpfung, streiten sich und filmen einander dabei unentwegt (oft auf Video, manchmal auf 16mm, immer verwackelt), bis sie abrupt verschwinden. Das Bild dient, umso mehr, als es so räudig ist und nur seinen Herstellungsprozess zeigt, als Beweismittel, aber als gefälschtes. Beides sieht man zugleich: die Echtheit und ihre Fabrikation; der Reiz beim Anschauen liegt im Schwanken zwischen schauderndem ‚I want to believe‘ und Freude an der fälscherischen Virtuosität.

Man muss jedoch zweierlei bedenken: erstens die Naivität vieler Amis und anderer, die das ‚double-coding‘ nicht mitspielen, sondern, so heißt es, die rätselhaften Vorfälle eins zu eins nehmen. Zweitens den Umstand, dass ‚Blair Witch Project‘ (im Unterschied zu Fake-Dokus wie ‚Zelig‘, ‚Mann beißt Hund‘ oder der famosen Alien-Reportage ‚Die Delegation‘) eher ein intermedial wuchernder Hypertext als ein Film ist, work in progress, open case mit open end, ein Projekt: Der Kinofilm ist Gegenstand und Vorwand, Herz und Beiwerk einer cleveren PR-Kampagne – von an Schulen in den USA verteilten Vermisstenanzeigen über eine zum Kinostart gesendete TV-Fake-Doku bis zur ‚Blair Witch‘-Website. Sie ist die Matrix, aus der das Projekt entsteht; sie kocht Gerüchte, bewirbt den Film als Fall und seine dauerhaft auswertbaren Derivate als Indizien (Soundtrack, buchförmiges Polizei-Dossier, ‚unveröffentlichtes Material‘ auf Kaufvideos) und gibt der Rezeption einen Leitmodus vor: Das Film-Schauen wird überformt vom nachhaltigen Surfen, Chatten und Zuhause-Weiterkochen.

Klingt nach Kult. Klingt, als wäre alles Diskurs und Design, Marketing eines No-Budget-Videos nach dem Blockbuster-Prinzip, ‚Twin Peaks‘ auf echt plus Internet, wobei Laura Palmers Tagebuch das Notizheft der verschwundenen Videofilmerin auf der Website entspricht. ‚Documentation. Verifying existence. I am verifying that I am still here.‘ lautet ein Eintrag darin. Das formuliert ein anderes, zutiefst ‚filmbildliches‘ Projekt: Der oft bedrückende Realismus der fragilen, wackligen Bilder, der zerbrechliche Menschlein in einem Jammertal aus Verirrtheit, Erschöpfung und Todesangst zeigt, reiht ‚Blair Witch Project‘ unter die ‚Survival-Filme‘ der Neunzigerjahre. Etwas hat überlebt: Menschen verschwinden (auf sehr unterschiedliche Weise), aber es bleiben berührende, ‚authentische‘ Filmbilder, die ihre Existenz bezeugen, ihre verzweifelte Kreatürlichkeit vergegenwärtigen – bei Spielberg, auf der ‚Titanic‘ oder im Wald von Blair: kunstvoll kaputte Bilder vom Leid ermordeter Juden oder sterbender Soldaten; Kate Winslet, wie sie vor Kälte winselt; eine zitternde, verschnupfte Filmstudentin, die ihren Rest an Dasein in die Hi8-Kamera wimmert.

Das Pathos des Überlebens macht kulturellen Sinn als Drama jener Überflüssigkeit, die viele Leute (und Studierende) im Neoliberalismus an sich selbst empfinden; es beschwört aber auch das Überleben des Kinos, zumal das Projekt seiner Wiederbelebung als Handwerk mit Herz im Zeichen der Video-Amateur-Ästhetik. Artisan (‚Handwerker‘) heißt die Independent-Firma, die ‚Blair Witch Project‘ gekauft hat, von einem Team, das nach ‚Häxan‘ benannt ist, einer 1922 vom Dänen Benjamin Christensen gedrehten Horror-Spieldoku über Hexenkult. Natürlich, Dänemark: Dort dreht man heute auch auf Video, nach dem cinephilen Reinheitsgebot des Handkamera-Minimalismus, mit method actors in Selbsterfahrungsgruppen, die sich existenzielles Leid virtuos aus dem Leib schreien. ‚Dogma‘ nennen das die Dänen, und sie lügen nicht; ‚method filmmaking‘ nennen die Fälscher aus Florida ihre Art des Drehens als ‚Survival-Training‘ mit im Wald ausgesetzten Darstellern, die improvisieren, einander filmen und ihre Angst wirklich empfinden. Alles ‚Absolut Life‘: ein PR-Schmäh, dem im gleichnamigen ORF-Magazin ein Psychologe die Echtheit bescheinigte.

Dogma-Filme sprießen zur Zeit weltweit wie die Schwammerln, und vielleicht finden auch die Haxan-Wizards Nachahmungstäter, die mit der Digicam zum Trashfilm-Survival-Fake z.B. in den Wienerwald ausrücken. Die US-Parodie ‚The Blair Clown Project‘ ist bereits in Produktion; eine nettere Paraphrase hat ein texanischer Zeitungscartoonist mit seiner Deutung des Dramas als Leiden an Kopfhautjucken vorgelegt: ‚The Hair Itch Project‘.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Falter #48/1999

Blair Witch Project
(The Blair Witch Project)
USA 1999 - 81 min.
Regie: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez - Drehbuch: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez - Produktion: Robin Cowie, Gregg Hale - Kamera: Neal Fredericks - Schnitt: Daniel Myrick, Eduardo Sánchez - Musik: Antonio Cora - Verleih: StudioCanal - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Heather Donahue, Michael C. Williams, Joshua Leonard
Kinostart (D): 27.11.1999

DVD-Starttermin (D): 06.10.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0185937/
Foto: © StudioCanal

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