Black Swan

(USA 2010; Regie: Darren Aronofsky)

Mens swana in corpore swano

Eine unschuldige Prinzessin ist in einem schwanenschönen Körper gefangen, Freiheit kann sie nur durch die reine Liebe erlangen. Diese Liebe verspricht ihr ein Prinz, doch es gibt eine Konkurrentin um seine Gunst: der böse Zwilling der Schwanenprinzessin narrt den Prinzen, entlockt ihm ebenfalls ein Liebesgeständnis, und die Rivalität der Ebenbürtigen führt zur Katastrophe.

Etwas anderes als eine doppel- und dreifachbödige Geschichte hat man von Darren Aronofsky nicht erwartet: Er hat Tschaikowskis 'Schwanensee'-Ballett verfilmt, verlegt in das Milieu der 'Schwanensee'-Produktion einer Ballettcompagnie. Natalie Portman als Ballerina Nina ist erwählt, die Doppel-Hauptrolle des Weißen und Schwarzen Schwanes in einer Neuinszenierung von 'Schwanensee' zu spielen, sie ist Konkurrenzdruck ausgesetzt und dem Druck ihrer Mutter, des Ballettdirektors, ihrer selbst. Den Weißen Schwan tanzt sie perfekt; für den Schwarzen Schwan muss sie lernen, die Kontrolle zu verlieren, sich gehen zu lassen, zu verführen, sich selbst und alle anderen zu überraschen, technische Perfektion muss zu Genialität werden. Sie muss den Ansprüchen des ambivalent-verführerischen Ballettchefs – Vincent Cassel in grandioser Verfassung – genügen, und sie muss die Konkurrenz von Tanzkollegin Lily aushalten, die um dieselbe Rolle und ebenfalls um Cassels Gunst buhlt.

Das ist also zum einen ein Sportlerfilm, so wie auch Aronofskys Vorgänger „The Wrestler“, der beobachtet, wie Sport, wie körperliche Anstrengung entsteht, wie daraus ein Spiel wird, das zugleich Ernst ist: Kampf beim „Wrestler“, Tanz in „Black Swan“. Die immense Anstrengung, aus einem menschlichen Körper Übermenschliches herauszuholen, wird schonungslos gezeigt, da Knacksen die Gelenke, da brechen die Zehnägel, und dann schweben die Tänzerinnen und Tänzer schwerelos, entkörperlicht dahin…

Zum Zweiten ist dies ein Psychoporträt, ein Psychothriller. Bis in die Anfänge von Aronofskys Filmtätigkeit geht das zurück, die Auseinandersetzung mit der Balance von Körper und Psyche. Immer geht dabei jede Bewegung zugunsten der einen Seite zulasten der anderen. Körper und Geist sind Gegenpole, wo der eine gestärkt wird, schwindet der andere. In „Pi“ setzte sich der Protagonist den Bohrer für die Selbstlobotomie an den Kopf, um durch körperliche Versehrung den überschnappende, überschwappenden Geist zu kanalisieren. „Requiem for a Dream“ folgt der Zersetzung, dem Verschwinden des Körpers zugunsten drogeninduzierter, mentaler Höhenflüge. In „The Fountain“ sucht einer das Leben der Geliebten zu retten, indem er sich in Ebenen des Wahnsinns (oder der Literatur? Oder doch der Realität unterschiedlicher Zeiten?) versetzt. Der „Wrestler“ muss erkennen, dass in seinem hochgezüchteten Körper ein dumpfer Geist wohnt. Und Nina muss eine ganz neue Körperlichkeit erlernen, sie muss über die äußere Perfektion von Tanz hinaus auch das Innere sprechen lassen; sie muss den Schwarzen Schwan in sich entdecken, um die größte, beste Tanz- und Kunstperformance leisten zu können. Und ihr entgleitet dabei die Realität.

Aronofsky ist, das beweist sich hier wieder einmal, einer der besten zeitgenössischen Regisseure. Seine emotionalisierende, spannende, verstörende und packende Handlung erzählt er in mehreren Ebenen, kleine Irritationsmomente wachsen sich zu phantastisch anmutendem Psychohorror aus, die Darsteller bringen Höchstleistungen, jedes Detail ist stimmig, alltäglich und zugleich hochsymbolisch, die handwerkliche Arbeit im Ballett wird fast dokumentarisch eingefangen und zugleich metaphysisch transzendiert, Wahrhaftigkeit und Glaubhaftigkeit gehen einher mit dem Auflösen von Körperlichkeit, Realität, psychischer und mentaler Leistung. Schritt für Schritt begleitet Aronofsky Nina auf dem Weg zur Vervollkommnung ihres künstlerischen Ichs; und er geleitet den Zuschauer Schritt für Schritt hinein in ihre Psyche.

Der Zuschauer antwortet dabei unmittelbar emotional auf das Geschehen auf der Leinwand: mit ungeheuer intensiver Wirkung weiß Aronofsky zu inszenieren, von kleinen Momenten bis zu großen, deutlichen Irrationalitätsanfällen von Nina. Da, in der U-Bahn: ist sie das nicht selbst? Haben sich da die Augen bewegt auf dem Gemälde? Wie kann die Mutter stets anwesend sein, liegt das nur an dieser kleinen Wohnung, in der Nina mit ihr lebt? Jagt da ein Gänse-, nein: Schwanenhautschauer über ihren Körper? Woher kommt das Blut an ihren Fingern? Das Schneiden von Fingernägeln wird zu Tortur, und dann zieht sie sich unterhalb des Fingernagels die Haut ab, in langen Streifen – da wird klar: Die Grenze zur Realität ist überschritten. Und der Film lässt sie weit hinter sich.

Doch was ist Realität, wenn es darum geht, große Kunst zu schaffen? Das wahre, eigene Ich herauszuschälen aus einem in Schönheit, Reinheit, Unschuld gefangenen Körper? Realität ist hinderlich, wenn Nina die vollendete menschliche Inkarnation des getanzten Schwanes erschafft; und der Körper, der dies vollbringt, muss seinen Geist hinter sich lassen.

Link zu einer weiteren Filmkritik

Benotung des Films :

Harald Mühlbeyer
Black Swan
(Black Swan)
USA 2010 - 108 min.
Regie: Darren Aronofsky - Drehbuch: Mark Heyman, Andres Heinz, John J. McLaughlin - Produktion: Scott Franklin, Mike Medavoy, Arnold Messer, Brian Oliver - Kamera: Matthew Libatique - Schnitt: Andrew Weisblum - Musik: Clint Mansell - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Natalie Portman, Mila Kunis, Vincent Cassel, Barbara Hershey, Winona Ryder, Benjamin Millepied, Ksenia Solo, Kristina Anapau, Janet Montgomery, Sebastian Stan, Toby Hemingway
Kinostart (D): 20.01.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0947798/
Foto: © 20th Century Fox

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.