Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

(USA 2014; Regie: Alejandro González Iñárritu)

Reale Schwerelosigkeit

Die Buchstaben der Vorspanntitel fügen sich erst nach und nach zur Schrift und damit zu identifizierbaren Namen. Der Rhythmus ihres Erscheinens auf der Leinwand wird von dem ausdrucksstarken Schlagzeug-Spiel des Jazz-Drummers Antonio Sánchez getaktet, dessen virtuose Soli den Film antreiben und nicht zuletzt emotional grundieren. Dieser experimentell verspielte Auftakt von Alejandro González Iñárritus neuem Film „Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ erinnert an frühere Godard-Filme. Das Bild und seine Bedeutung resultiert aus der Montage der Teile zu einem Ganzen. Der fragmentierten Zeit des Films setzt Iñárritu den linearen Zeitfluss des Theaters gegenüber. Denn „Birdman“, der in einem Theater am New Yorker Broadway spielt, ist nahezu in Echtzeit gedreht beziehungsweise täuscht das zumindest vor. Scheinbar in einer einzigen langen Einstellung, kunstvoll realisiert vom renommierten Bildgestalter Emmanuel Lubezki, erzeugt die dynamische Kameraführung ein Kontinuum von Raum und Zeit und verweist damit auf die Verschmelzung von Leben und Fiktion im Theater.

Damit ist ein Thema des Films benannt, das im Folgenden noch durch die Wechselwirkungen zwischen dem inszenierten Stück auf der Bühne und den realen Lebenskrisen der Spieler hinter den Kulissen des Theaters verstärkt wird. Überraschend und für seine bisherige Arbeit untypisch hat Iñárritu eine ziemlich schlagfertige und hintergründige Komödie gedreht, in der es unter anderem um die Frage nach der wahren Kunst in Abgrenzung zur kommerziellen Unterhaltungsware, um die Wahrheit des Realismus, vor allem aber um die menschliche Angst vor der Bedeutungslosigkeit geht. „And did you get what/ you wanted from this life, even so?/ I did./ And what did you want?/ To call myself beloved, to feel myself/ beloved on the earth.” Diese “Late Fragment” betitelten Zeilen des amerikanischen Schriftstellers Raymond Carver, die zugleich als Inschrift auf dessen Grabstein stehen, hat Iñárritu seinem Film vorangestellt.

Der alternde Schauspieler Riggan Thomson (Michael Keaton), der früher einmal höchst erfolgreich den Superhelden „Birdman“ in mehreren Blockbuster-Filmen verkörperte, leidet unter Selbstzweifeln und einem zunehmenden Bedeutungsverlust, der zum Mittelpunkt einer allgemeinen Lebenskrise geworden ist. Deshalb versucht er sich an einer Inszenierung von Raymond Carvers Kurzgeschichte „What we talk about when we talk about love“, von der er sich künstlerischen Ruhm abseits oberflächlicher Popularität und einen bleibenden Wert erhofft. Doch der ehemalige Star, der immer wieder von den Einflüsterungen seines „Birdman“-Alter Ego angestachelt wird und mit telekinetischen Fähigkeiten überrascht, stößt zunächst auf vielfältige Schwierigkeiten: Sein arrogant selbstbesoffener Ersatz-Darsteller Mike Shiner (Edward Norton) provoziert ihn mit seinen „super-realistischen“ Darstellungseskapaden, seine Ex-Frau Sylvia (Amy Ryan) möchte offensichtlich am liebsten in ihr altes (Ehe-)Leben mit ihm zurück und seine Tochter Sam (Emma Stone) hat Drogen- und Beziehungsprobleme, wofür sich Riggan als meist abwesender Vater die Schuld gibt.

In einer starken Verdichtung von Raum und Zeit folgt Alejandro González Iñárritu den teils absurden, teils ziemlich durchgedrehten Verwicklungen zwischen Kunst, Leben und Liebe. Sein getriebener, zwischen verzweifelter Hoffnung und Resignation hin und her geworfener Held durchlebt dabei einige Höhen und noch mehr Tiefen und stößt dabei an Grenzen in und außerhalb des Theaters. Dann hilft nur noch sein alter „Birdman“-Trick, der ihm Flügel verleiht und die Schwerelosigkeit so real macht wie einen Film.

Hier gibt’s eine weitere Kritik zu 'Birdman'.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)
(Birdman)
USA 2014 - 120 min.
Regie: Alejandro González Iñárritu - Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Armando Bo - Produktion: Alejandro González Iñárritu, John Lesher, Arnon Milchan, James W. Skotchdopole - Kamera: Emmanuel Lubezki - Schnitt: Douglas Crise - Musik: Antonio Sanchez - Verleih: 20th Century Fox - Besetzung: Emma Stone, Edward Norton, Naomi Watts, Andrea Riseborough, Michael Keaton, Zach Galifianakis, Amy Ryan, Merritt Wever, Joel Garland, Natalie Gold, Clark Middleton, Bill Camp, Stefano Villabona, Dusan Dukic, Anna Hardwick
Kinostart (D): 29.01.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2562232/

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