Bilderwelten vom Großen Krieg 1914-1918

(D 2014; Regie: Alexander Kluge, Heinz Bütler)

Papiertiger des Kriegs

Die nun erschienene DVD „Bilderwelten vom Großen Krieg 1914-1918“ kommt in einer Kartonverpackung gemeinsam mit einem 83-seitigen, edel gedruckten, reich bebilderten sowie reich beschriebenen Begleitheft und mit 5 Postkarten, die Nachdrucke zeitgenössischer, dazumal per Post geteilter Schnappschüsse darstellen. Der Datenträger selbst versammelt 18 Filme zweier Autoren zu insgesamt 3 Stunden, wobei ein genauerer Blick in die ausführliche Inhaltsangabe (Teil des Begleitheftes) verrät, dass es sich um 6 Werke des einen und um 12 Werke des anderen handelt. Nach Sichtung des Materials beschleicht einen das Gefühl, dass es sich womöglich schlicht um zwei Werke handelt, die da ineinandergeschichtet wurden: eines Alexander Kluges, und eines Heinz Bütlers.

Im Titel fehlt eine zur Konvention gewordene Nummerierung, stattdessen suggeriert die Zitation eines großgeschriebenen Krieges ein unzeitgemäßeres Eintauchen in damalige Welten. Bilder „lügen anders und sagen anders die Wahrheit als das Gedruckte“, belehrt der Klappentext. Das will schon mit dem Titelbild demonstriert werden, wo das Schutzzeichen der Genfer Konvention neben die Gasmaske gesetzt ist, welche zum Schutz vor jenem dient, welches keine Unterschiede mehr macht – die wörtliche Größe des Kriegs scheint hier ihre Referenz zu finden.

Die Filme Heinz Bütlers machen es sich zur Aufgabe, Kontexte für Fotografien aus der Zeit des Krieges zu finden, was im Gespräch mit Historikern und einer Literaturwissenschaftlerin geschieht (aber auch Karl Kraus darf einmal zu Wort kommen). Bütlers Fokus liegt dabei auf der Schweiz, welche im Rahmen der „Schweizer Grenzbesetzung“ unter großem Aufwand und vielen Entbehrungen ihre Neutralität sicherte. Ein erschwinglich gewordener Preis ermöglichte es damals selbst Amateuren (also einfachen Soldaten), rasch und leicht Fotos zu schießen, welche dann als Postkarten massenhaft von der Front in die Heimat geschickt wurden. Vier mit „Schöner wär’s daheim“ betitelte Episoden zeigen, kommentieren und interpretieren diese zahlreich erhaltenen Zeugnisse: Die oft komischen Inszenierungen des Soldatenalltags verbergen neben ihrer zentralsten Funktion, der Verwandtschaft einfach ein Lebenszeichen zukommen zu lassen, auch ein außergewöhnliches Maß an Kritik, und verraten durch das, was sie ausklammern, einiges über die Verhältnisse im Dienst.

Ein zweiter Blick widmet sich den Sendungen von Beteiligten aller Kriegsparteien an die „Schwarze Madonna“ im Schweizer Benediktinerkloster Einsiedeln: Man schickte ihr Portraitfotos der eingerückten Soldaten mitsamt genauen Informationen zur Person (um Verwechslungen ausschließen zu können), damit die Heilige diese am Foto identifizieren könne und in der Gefahrensituation über sie wache. Der Historiker Valentin Groebner weist dies als charakteristisch für die Moderne aus. Derartige systematische Bildlektüren stellen die vielleicht spannendsten Momente der vorliegenden Ausgabe dar.

So zurückhaltend Bütler Menschen und Bilder sprechen lässt, so vehement dringt die Perspektive Alexander Kluges in ihren Stoff ein. Kluge, der Realität einmal als „geschichtliche Fiktion“ von „Papiertiger-Natur“ bezeichnete, bedient sich verschiedener Formen, um die Realität des Ersten Weltkrieges zu zerschneiden. Zwar führt auch Kluge in erster Linie Interviews; anders als Bütler bringt er sich in diesen aber mit suggestiven Wendungen immer wieder ein. Mit Christopher Clark, Gerd Krumeich oder Herfried Münkler sind dabei Autoren aktueller einschlägiger Publikationen zum Ersten Weltkrieg vertreten. Neben diesen oft leider nur sehr knapp bemessenen, aber konzisen Gesprächen werden auch Befragungen von Zeitzeugen inszeniert, die auf etwas verfremdende Weise u.a. von Helge Schneider dargestellt werden. Zuletzt sind es Montagen, die Filme und Fotos aus dem Krieg mit Textfragmenten kombinieren, die an die Zwischentitel von Stummfilmen erinnern. Auf diese Weise wird von Wegen nach Verdun, Gasangriffen oder aus der Familiengeschichte des Autors erzählt. Die Textfragmente jener Episoden finden sich interessanterweise als übersichtlicher Fließtext im Begleitheft – was wiederum die Frage aufwirft, was hier eigentlich auf was verweisen soll. Wird der Fließtext erst durch die Bilder vollständig? Oder bleiben die Filme ohne den vollen Text unverständlich, weshalb er in Papierform beigelegt werden muss?

Fazit: Vor allem die kaum bekannten Details, die in den zahlreichen Filmen von „Bilderwelten vom Großen Krieg 1914-1918“ gezeigt werden, machen die DVD sehenswert.

Benotung des Films :

Lukas Schmutzer
Bilderwelten vom Großen Krieg 1914-1918
Deutschland 2014 - 180 min.
Regie: Alexander Kluge, Heinz Bütler - Verleih: absolut MEDIEN - Besetzung:
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 25.07.2014

Link zum Verleih: http://absolutmedien.de/film-1594

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