Bevor der Winter kommt

(F / LU 2013; Regie: Philippe Claudel)

Im Herbst des Lebens

Die Einrichtungen des langjährigen Ehelebens scheinen perfekt geordnet: Seit über dreißig Jahren sind der erfolgreiche Neurochirurg Paul Natkinson (Daniel Auteuil) und seine Frau Lucie (Kristin Scott Thomas) miteinander verheiratet. Während er operiert, widmet sie sich dem Garten. Dort findet eingangs von Philippe Claudels Film „Bevor der Winter kommt“ (Avant l’hiver) auch ein sommerliches Fest mit der Familie, Freunden und den letzten eigenen Erdbeeren der Saison statt. Das dazu gehörende Haus auf dem weitläufigen Anwesen ist geräumig, transparent und hell. Doch die solide Wohlstandsoberfläche, angereichert mit Opernbesuchen und dem Ausgleichssport Tennis, zeigt feine Risse: Der Chefarzt ist chronisch überarbeitet und hat kaum Zeit für seine Frau, diese fühlt sich vernachlässigt und gelangweilt. Lucies psychisch kranke Schwester Mathilde (Laure Killing), die dieses Wohlstandsglück irritiert und stört, bezeichnet das Haus der Natkinsons einmal als einen „gläsernen Sarg“.

Der Riss im brüchigen Arrangement wird größer, als plötzlich unvermittelt und immer vehementer die Farbe Rot in Pauls Leben tritt. Erst sind es Rosensträuße eines unbekannten Absenders; dann das Kleid einer jungen zwielichtigen Frau namens Lou Vallée (Leïla Bekhti), die in Pauls Leben eindringt; und viel später im Film verwandelt sich die Farbe der Liebe und der Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld in die Farbe des Blutes. Die vielfältigen Schattierungen von Leben und Tod liegen in Claudels melancholisch gestimmtem Film über den Herbst des Lebens eng beieinander. In der Konfrontation mit der mysteriösen Fremden, die zugleich gegenwärtig und entfernt bleibt wie ein undurchdringlicher Nebel, wird Paul unkonzentrierter, gerät er auf Abwege und in (eine noch sprachlosere) Distanz zu seiner Frau und muss schließlich eine Auszeit nehmen. Paul droht sich zu verlieren und scheint doch etwas zu gewinnen.

Der französische Schriftsteller und Filmemacher Philippe Claudel nimmt sich viel Zeit, um die komplexen Zusammenhänge eines ehelichen Stillstands möglichst differenziert zu beschreiben. Dabei wird er von einem hervorragenden Darsteller-Ensemble unterstützt. Motivisch und atmosphärisch von den Filmen Sautets und Hitchcocks inspiriert, stehen der scheinbaren Offenheit ausgeleuchteter Eheverhältnisse die dunklen Geheimnisse und verschwiegenen Träume eines fast schon vergessenen Lebens gegenüber. In Lous Gegenwart erlebt Paul noch einmal eine durch den soghaften Lebensprozess verloren gegangene Unbeschwertheit. Der Zwang, denken zu müssen, ist für ihn in diesen Momenten aufgehoben. Zugleich thematisiert Claudel auf berührende Weise noch einen tieferen Grund, der den vaterlos aufgewachsenen Mediziner sowohl mit der entwurzelten jungen Marokkanerin als auch mit einer alten jüdischen Patientin verbindet, deren Familie von den Nazis und ihren Helfern ausgelöscht wurde: Und zwar den Versuch, gegen alles Vergessen Namen zu erinnern und zu bewahren, um damit lebendige Spuren einer vergangenen Existenz zu bezeugen und weiterzugeben.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Bevor der Winter kommt
(Avant l'hiver)
Frankreich / Luxemburg 2013 - 103 min.
Regie: Philippe Claudel - Drehbuch: Philippe Claudel - Produktion: Yves Marmion, Romain Rojtman - Kamera: Denis Lenoir - Schnitt: Lisa Aboulker - Musik: André Dziezuk - Verleih: Polyband / 24 Bilder - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Richard Berry, Kristin Scott Thomas, Daniel Auteuil, Leïla Bekhti, Vicky Krieps, Jérôme Varanfrain
Kinostart (D): 13.11.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2231630/

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