Berlin: Hasenheide

(D 2010; Regie: Nana A.T. Rebhan)

Beißende Papageien und Sperma im Planschbecken

Er ist ein kurzes, bewegtes und bewegendes Pamphlet gegen die mediale Alarmstimmung. „Berlin: Hasenheide“ heißt der komplett eigenfinanzierte Dokumentarfilm von Nana A.T. Rebhan. Die Kamera flaniert durch den titelgebenden Ort in Neukölln, der breitenwirksam als Drogenumschlagsplatz in bitterbösen Verruf geraten ist. Kein Wunder also, dass der rund 45 Hektar fassende Landschaftspark von Boulevardblättern bereits sogar zur No-Go-Area deklariert wurde. Die Stigmatisierung unliebsamer Regionen als soziale Brennpunkte dient ja nicht bloß als Kennzeichen einer vermeintlichen Gefahr. Sie will zugleich semantisch vergessen lassen, dass dort das Antlitz des Kapitalismus seinen humanistischen Schleier verliert und sein Wahn nicht einzig abstrakte Statistiken produziert. Besser also, man hält sich schon zur Bewahrung der eigenen Mythologie der mentalen Gemütlichkeit von solchen Orten fern. Für die eigene körperliche Unversehrtheit scheint es ohnehin ratsamer.

In fast schon investigativ-journalistischer Manier begab sich Rebhan dennoch fast zwei Jahre in die Gefahrenzone quasi direkt vor ihrer Haustür, ausgestattet mit der kleinsten filmischen Einheit, einer Handkamera und einem Ton-Mann. Was sie findet, ist die unaufgeregte Koexistenz mannigfaltiger und konträrer Lebensentwürfe: eine Gruppe afrikanischer Fußballspieler, die in Ermangelung eines Schiedsrichters seit Jahren ihre Matches in permanenten Streitgesprächen klären; zotige Nudisten, die sich fragen, was gegen Sperma im eigens mitgebrachten Planschbecken zu tun sei, einen Mann, der seine fünf Papageien im gleichfarbigen T-Shirt auf dem Lenker seines Fahrrads ausfährt, exzentrische Hundebesitzerinnen, die sich typologisch zwischen schnodderig-hippiesk und verarmten Adel bewegen, einen Pulk gestandener türkischer Männer, die unter einer Baumkrone den Platz tagtäglich zum gemeinschaftlichen Wohnzimmer umfunktionieren, sich Konzerte geben und einen fast handzahmen Falken mit Fleisch füttern.

Die Bilder variieren zwischen stiller Beobachtung und dezentem Nachfragen, oftmals begleitet von einem skurrilen, nie bösartigen Humor. Wenn sich ein schüchterner Nudist rührig mit einer Sprühflasche benetzt, während die Clique zehn Meter weiter im Planschbecken tobt. Wenn sich die alte Hundehalterfrage „Beißt der?“ hier an einen Papageienbesitzer richtet. Wenn die Knigge-geschulte Hundebesitzerin den mondänen Charakter ihres Windhundes rühmt, während der einen Rivalen nach kurzem Beschnuppern anblafft oder sich zu ihrer schamerfüllten Irritation für dessen Genitalien interessiert. Die Programmatik liegt auf der Hand: ein Tableau zu zeichnen, das die vielgestaltigen Lebensentwürfe vereint. Das mag in seiner unbekümmerten Präsentation montierter Zufriedenheit auf den ersten Blick arglos wirken.

Aber die Bilder sind gleichzeitig beflügelt von einer impliziten Politik. Immer wieder ist die Rede von Armut, von Hartz IV, von den Konstanten des Alltags. An diesen Stellen wird manifest, dass da Spielformen der Eroberung des urbanen Raumes existieren und zwar nicht zum Zwecke, sondern trotz der Reproduktionsarbeiten, die täglich abgetrotzt werden. Dann wird der kollektive Müßiggang auf der Hasenheide zum Politikum und schmiegt sich heimlich an die diskursiven Vorgaben postindustrieller Ideologien, die den Mensch zum eigenverantwortlichen Träger seiner Arbeitskraft erklären. „Berlin: Hasenheide“ kehrt diese Mythologie eher um. Wie soll sich auch rational erklären lassen, warum ein Mann seine Papageien auf dem Fahrrad ausführt? Dass dies alles unter den Maßgaben einer Bildproduktion von unten zu sehen ist, liegt aber nicht bloß an der Schieflage der medial unterschlagenen anderen Hasenheide, die der Film korrigieren möchte. Die Harmonie besitzt auch einen melancholischen Unterton. Die Aufnahmen endeten 2008. Dank der rasanten Gentrifizierung rund um Neukölln könnten die Bilder schneller historisiert sein, als ein Planschbecken mit Wasser gefüllt ist.

Benotung des Films :

Sven Jachmann
Berlin: Hasenheide
(Berlin: Hasenheide)
Deutschland 2010 - 72 min.
Regie: Nana A.T. Rebhan - Produktion: ALFAVILLE - Kamera: Nana A.T. Rebhan - Schnitt: Justyna Hajda - Verleih: ALFAVILLE - Besetzung: Casey, Leo, Peter Knoll, Jörg, Ralf, Horst, Elmar, Ilker, Jonah Gronich, Alberto Nebiolo, Gabi Hundertmark, Vilwanathan Krishnamurthy, Heinz Buschkowsky
Kinostart (D): 14.10.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1744582/
Foto: © ALFAVILLE

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.