Beat Street

(USA 1984; Regie: Stan Lathan)

Paint or Money?

Die Bronx in den frühen Achtzigern: Ein paar Freunde machen sich auf den Weg auf eine Party in einem leer stehenden Haus. Für die Elektrizität wird der nächste Strommast angezapft. Kenny sorgt am Mikrofon und an den Turntables für Musik, während sein kleiner Bruder Lee auf der Tanzfläche halsbrecherischen Break Dance hinlegt. Ramón (A. K. A. Ramo), passionierter Sprüher, hatte seinen großen Auftritt schon auf dem Hinweg, als er Fotos von dem vergangene Nacht produzierten whole car, einem über die gesamte Fläche besprühten U-Bahn-Waggon machte. Chollie hingegen, der vierte im Bunde, macht sich hauptsächlich Gedanken darüber, wie er seinen Freunden helfen kann, ihr Talent zu Geld zu machen.

„Beat Street“ ist ein Film über die Hip Hop-Kultur, die sich in den 1970er Jahren im Süden der New Yorker Bronx entwickelte. Vor dem Hintergrund eines komplett von der sozialen Entwicklung abgehängten, größtenteils sich selbst überlassenen Stadtteils, stellt die Entstehung des Hip Hop, der im Verlaufe der Siebziger aus dem DJing auf Block Partys entstand und bis Ende der Dekade um die Kunstformen des Rappens (MCing), des Graffiti-Writings und des Break Dance erweitert wurde, in mehrerer Hinsicht eine Utopie dar. Zum einen legt sie Zeugnis ab von der Kreativität der Abgehängten und Ausgeschlossenen. Zum anderen sollte eben diese ungezügelte Kreativität die Jugendlichen davon abhalten, die Probleme ihres Alltags mit Drogen zu betäuben. Sie anregen, Konflikte nicht mit Gewalt, sondern im battle mit der Sprühdose, am Mikrofon oder auf der Tanzfläche auszutragen.

Um 1980 dann belegte der immense Erfolg von Rappern und Gruppen wie The Sugar Hill Gang, Kurtis Blow oder Grandmaster Flash and the Furious Five die kommerziellen Möglichkeiten, die vor allem die Musik bot: Die Subkultur aus dem Ghetto als Neuauflage des amerikanischen Traums.

„Beat Street“ nun handelt vor allem von dieser Kommerzialisierung des Hip Hop. Dem Weg von den Block Partys in die angesagten Diskos der Stadt. Aus dem mit mühsam ersparten technischem Equipment ausgestatteten Kinderzimmer ins professionelle Tonstudio. Vom breaking for pennies an der Straßenecke auf die große Bühne.

Das wird schon in der Genese des Films sichtbar. In den Jahren zuvor hatten sich der semidokumentarische Spielfilm „Wild Style“ (1982) und die fürs Fernsehen produzierte Doku „Style Wars“ (1983) mit Hip Hop beschäftigt, wobei das Hauptaugenmerk auf Graffiti lag. In „Beat Street“ finden sich deutliche Bezüge zu beiden Filmen, er bindet diese aber eben schon in den Rahmen einer professionellen B-Film-Produktion, die offensichtlich ein größeres Publikum ansprechen soll. Als Produzent zeichnet unter anderem Harry Belafonte verantwortlich. Unter den Sponsoren finden sich Puma und Kangol. Während im Mittelpunkt Tanz und Musik stehen, wofür vieles, was im Rap und Break Dance 1984 Rang und Namen hatte, vor der Kamera versammelt wurde, tritt die Handlung um den Graffiti-Künstler Ramo eher an den Rand. Dabei ist bezeichnend, dass es gerade ihm nicht gelingt, seine immer selbstzerstörerische Leidenschaft mit dem Privatleben in Einklang zu bringen. Als er schließlich das ultimative Objekt seiner Begierde erreicht, den nagelneuen weißen U-Bahn-Zug, den er zuvor jagte wie Kapitän Ahab den weißen Wal, nimmt es ein böses Ende mit ihm. Gerade die anarchischste, am schwierigsten den Gesetzes des Marktes und dem Streben nach Erfolg zu unterwerfende Ausdrucksform des Hip Hop muss in einem Film wie „Beat Street“ buchstäblich auf der Strecke bleiben.

Die sozialen Realitäten klingen durchaus immer wieder an, ohne dass der Film allzu sehr in die Tiefe gehen würde. Da ist der ältere Bruder von Kenny und Lee, der, wie man aus Erzählungen erfährt, Opfer der Ganggewalt wurde. Da ist Ramo, der nicht zuletzt daran scheiterte, seine eigenen Vorstellungen vom Leben mit denen seiner puertoricanischen Familie in Einklang zu bringen. Da ist sicherlich nicht zuletzt das leer stehende Haus, das zunächst für illegale Partys, später dann als illegaler Wohnraum genutzt wird. Dabei fällt auf, dass der Film sichtlich darum bemüht ist, auch das jüngste Publikum zu erreichen: Keine Waffen und Drogen, kein Sex und kaum Gewalt, die F- und S-Wörter lassen sich an einer Hand abzählen.

Die vehementeste Kritik jedoch findet sich in den Song-Texten, vor allem im wunderbaren und ziemlich bissigen „Santa’s Rap“ von The Treacherous Three, sowie im bloßen Zeigen der heruntergekommenen Bronx-Straßen. In der eindrücklichsten dieser Szenen werden während des finalen Titel-Songs die Bilder von Abrisshäusern, verfallenden Brown-Stones, noch tristeren Sozialbautürmen und müllübersäten Brachen in einer beinahe antonioniesken Montage-Sequenz zusammengefügt. Mit ihrem dokumentarischen Duktus sind diese Aufnahmen noch weit entfernt von den stereotypen Bildern des armen Amerika, die im Verlauf der Achtziger Einzug in den Mainstream hielten, sei es in Eddie Murphy-Blockbustern oder Michael Jackson-Videos, und über die Georg Seeßlen einmal schrieb, sie seien „ungefähr so wahr wie Disneyland“. „Beat Street“ ist auch hier das, was ihn, von den künstlerischen Schauwerten einmal abgesehen, am Interessantesten macht: Ein Umbruchs-Film.

Dass, diplomatisch ausgedrückt, weder das Drehbuch noch die Schauspieler oscarverdächtig sind, dass der Film nicht durchgehend gut gealtert erscheint, weil vieles, was 1984 vielleicht (so ganz sicher bin ich mir da auch nicht) noch cool wirkte, zwischenzeitig eher unfreiwillige Komik entwickelt hat, tut eigentlich kaum etwas zur Sache.

Für hip hop heads und solche, die es werden wollen, für jeden, der sich für Jugendkulturen und ihre Kommerzialisierung interessiert, führt an „Beat Street“ kein Weg vorbei. Aber auch jedem, der einfach nur den mit immer wieder verblüffender Akrobatik über den Boden wirbelnden Körpern, bunt besprühten U-Bahnen, treibenden Break Beats, oder dem auf wunderbar naive Weise sozialkritischen Pathos früher Rap-Songs etwas abgewinnen kann, sei dringend ein Blick empfohlen.

Capelight Pictures hat den Film am 31.01.2014 neu auf DVD und erstmalig auf Blu-ray veröffentlicht. Als Bonusmaterial gibt es leider lediglich einen Trailer, der allerdings ziemlich interessant ist, weil kaum etwas von dem Material, das er zeigt, im fertigen Film zu sehen ist. Mächtig ins Zeug gelegt hat man sich dagegen bei der Restaurierung. Die bunten Züge und immer wieder regelrecht bizarren Achtziger-Dekors und –Klamotten erstrahlen auf der Blu-ray in satten Farben. Der Sound wurde komplett in DTS-HD neu abgemischt und ist außerdem in PCM-Stereo verfügbar, jeweils auf Deutsch oder Englisch. Untertitel gibt es ebenfalls in Deutsch und Englisch entweder für den kompletten Film oder nur für die Songtexte. Übrigens ist das Menü wirklich todschick.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Beat Street
USA 1984 - 105 min.
Regie: Stan Lathan - Drehbuch: Steven Hager, Andrew Davis, David Gilbert, Paul Golding - Produktion: Harry Belafonte, David V. Picker - Kamera: Tom Priestley Jr. - Schnitt: Bob Brady, Dov Hoenig, Kevin Lee - Musik: Arthur Baker, Harry Belafonte, Webster Lewis - Verleih: Capelight Pictures - Besetzung: Rae Dawn Chong, Guy Davis, Jon Chardiet, Leon W. Grant, Saundra Santiago, Lee Chamberlin, Mary Alice, Shawn Elliott, Jim Borrelli, Dean Elliott, Franc Reyes, Wilfred Fowler
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0086946/

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