Bal – Honig

(TÜR / D 2010; Regie: Semih Kaplanoglu)

Der Mond im Wassereimer

Ein intensives, saftiges Grün und eine Stille, in der die Naturgeräusche lebendig sind, wohnen von Anfang an in den Bildern von Semih Kaplanoglus poetischem Film „Bal – Honig“. Die akustische Erzählung begleitet und erweitert so den visuellen Rahmen über seine Ränder hinaus. Aus der Tiefe des Bildes bewegen sich ein Mann und ein Esel langsam in den Vordergrund, was die Kamera in einer langen statischen Einstellung erfasst. Licht fällt durch das dichte Blätterdach des Waldes und erzeugt ein Schattenspiel. Es ist ein alter, magischer Wald aus einer anderen Welt, die der Regisseur für den dritten Teil seiner Yusuf-Trilogie in der Provinz Rize an der Schwarzmeerküste im Nordosten der Türkei gefunden hat. Der Mann, ein Imker namens Yakup (Erdal Besikcioglu), der sein Handwerk noch nach alten Traditionen ausübt, schwingt ein langes Seil über einen Ast. Als er sich daran, mit den Beinen gegen den hohen Stamm gestützt, hochzieht, bricht das Holz; und für einen ewigen Augenblick schwebt Yakup hilflos und in Todesgefahr zwischen Himmel und Erde.

Es ist dieser ungewisse Schwebezustand der Exposition, den Kaplanoglu auf den Film ausdehnt: Einerseits als andauerndes Warten von Yakups kleinem Sohn Yusuf (Bora Altas), der die Heimkehr seines geliebten, herzensguten Vaters ersehnt; andererseits als ein existentielles Verharren auf der Schwelle zu etwas Neuem, was der türkische Regisseur schon in den Filmen „Yumurta – Ei“ und „Süt – Milch“ auf unnachahmliche Weise thematisiert hat. Dabei geht es jeweils um einen bedeutsamen Wendepunkt im Leben der Protagonisten, um Ereignisse und Veränderungen, die einen Entwicklungsschritt bedingen. Im Falle des kleinen Yusuf ist es ein Schritt, der den Spuren des Vaters folgt, hin zu einem überlieferten, sinnlichen Weltbezug, und der die Isolation seiner kindlichen Traumwelt aufbricht.

Yusufs träumerisches Wesen, seine Empfänglichkeit für Poesie, vor allem aber sein stotterndes Lesen in der Schule machen ihn zum Einzelgänger. Mit dem fürsorglichen, geduldigen Vater verständigt er sich flüsternd, mit Tricks und Täuschungen vermeidet er unangenehme Situationen. Einmal lauscht er bei einer älteren Schülerin, die Rimbauds „Sensation“ (auf Deutsch in der Nachdichtung von Paul Zech) rezitiert: „Erlöst bin ich aus Raum und Zeit / die Sonnenwolke kann nicht freier sein.“ Die schmerzliche Abwesenheit des Vaters beschleunigt die Dringlichkeit, das Eigene zu finden. Semih Kaplanoglu verbindet diese doppelte Suche, die Yusuf in den nächtlichen Wald führt, mit der Darstellung einer vom Verschwinden bedrohten Lebensweise und Kultur. Sein kontemplativer „spiritueller Realismus“ übersetzt die Natur für den Zuschauer in einen sinnlichen Erfahrungsraum, in dem sich Mikro- und Makrokosmos durchdringen und sich dafür symbolisch die Mondscheibe auf der Oberfläche eines gefüllten Wassereimers spiegelt.

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Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Bal - Honig
(Bal)
Türkei / Deutschland 2010 - 103 min.
Regie: Semih Kaplanoglu - Drehbuch: Semih Kaplanoglu, Orçun Köksal - Produktion: Semih Kaplanoglu - Kamera: Baris Ozbicer - Schnitt: Ayhan Ergürsel, Suzan Hande Güneri, Semih Kaplanoglu - Verleih: Piffl Medien - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: Bora Altas, Erdal Besikçioglu, Tülin Özen, Alev Uçarer, Ayse Altay, Özkan Akçay
Kinostart (D): 09.09.2010

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1571724/

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