Ausgequetscht

(USA 2009; Regie: Mike Judge)

In der Fabrik mit Waylon Jennings

Unter den Blödheitsforschern der jüngeren US-Komödie ist Mike Judge der Sozialrealist: Schon die von Judge in den 90er Jahren kreierten und gesprochenen Fernsehkinder „Beavis and Butt-Head“ waren nicht bloß überlebensgroße Embleme einer ganzen Dumpfbackenkultur (wie Ben Stillers „Zoolander“ oder Will Ferrells „Anchorman“ Ron Burgundy), sondern zugleich sehr konkrete Repräsentanten einer suburbanen Proll-Jugend angehender Modernisierungsverlierer. Judges Nachfolgeprojekt, die langlebige Animationssitcom „King of the Hill“, baute in ihren Schilderungen aus dem Leben eines Einfaltspinsel-Patriarchen im Gegensatz zum Sendeplatz-Nachbarn „The Simpsons“ mehr auf texanisches Lokalkolorit und milieufundierte Charakterkomik als auf all-american Universalität und Themenhumor. Und mit „Alles Routine“ („Office Space“, 1999) schuf der studierte Physiker einen ätzend detailgenauen Lagebericht aus den Niederungen des Bürolebens, noch bevor „The Office“ oder gar „Mad Men“ Schreibtische und Besprechungszimmer zurück in die Popkultur holten.

Auch „Ausgequetscht“ (im Original: „Extract“), der in den USA am Labor Day des vergangenen Jahres in die Kinos kam, zeigt sich durchlässiger für Mittelstandswirklichkeiten als das derzeit etwa im Sonnensystem Judd Apatow möglich scheint: Hauptschauplatz des Films ist nicht die WG-Couch, sondern die Fabrik, und Vergesellschaftung wie Habitusbildung vollziehen sich hier gleichermaßen entlang sozialer und ökonomischer Hierarchien wie popkultureller Präferenzen. Ein Detail, das Bände spricht: Wenn Self-Made-Aromafabrikant Joel (Jason Bateman) die attraktive neue Aushilfskraft im Gespräch unter Männern als „working-class looking“ beschreibt, dann weiß sein Gegenüber gleich, was der hormongestaute Kleinunternehmer meint: sie sehe wie eine Schlampe aus.

Mit Joel ist diesmal nicht, wie in „Office Space“, eine Bürodrohne, sondern ein Boss die geplagte Hauptfigur. Wer die Galerie zänkischer, selbstsüchtiger und ignoranter Arbeitskräfte, mit denen Joel sich herumschlagen muss, für filmgewordenes „Unterschicht“-Ressentiment halten will, muss aber ausblenden, dass in „Ausgequetscht“ zumindest Idiotie alle Klassen transzendiert. Da kommt auch der Chef nicht aus: Weil Joel mit besagter neuer Fließbandarbeiterin, Cindy (Mila Kunis), eine Affäre beginnen will, aber ein schlechtes Gewissen hat, heuert er für seine gelangweilte Gattin Suzie (Kristen Wiig) heimlich einen Gigolo (toll: Dustin Milligan) an. Unterdessen heckt die betrügerische Cindy eine existenzbedrohende Klage gegen Joels Fabrik aus.

Ein wenig gemahnt die mäandernde Dramaturgie von „Ausgequetscht“ an eine geführte Bustour durch die Demütigungen kleinstädtischer Upper-Middle-Class-Existenz (Zu Ihrer Linken sehen Sie jetzt den aufdringlichen Rotary-Arsch-Nachbarn!). Nach der furiosen High Concept-Komik von Judges Verblödungsdystopie „Idiocracy“ (2006) wirkt dieses sauber gefilmte Purgatorium zuerst einmal erstaunlich zurückgenommen und zerfleddert: wie ein Serienpilot, der übereifrig Spuren für ein, zwei Staffeln auslegt.

Gerade im Verknüpfen mehrerer disparater Handlungsfäden zu einem kompakten Eineinhalbstünder beweist „Ausgequetscht“ aber rare Souveränität. Manche Gags und Karikaturen werden breit und repetitiv ausgequetscht – etwa der fulminante Auftritt von „Kiss“-Monster Gene Simmons als vulgärer Staranwalt –, doch der Film ruht sich nie im Auffädeln von Sketches aus, sondern peilt zielstrebig einen melancholischen Tonfall an. Dazu gehört, dass er sich mitunter an überraschenden Stellen entschließt, seinen Figuren Eigeninitiative zuzugestehen. Schon wie Ben Affleck als Joels tumber Barkeeper-Kumpel Pointen sammelt, ohne dass er sich mehr als in seinen Heldenrollen zum Affen machen müsste, ist in dieser Hinsicht signifikant. (Man vergleiche das einmal mit den eh lustigen, aber seltsam anbiedernden Karnevalsauftritten von Brad Pitt in „Burn After Reading“ oder Tom Cruise in „Tropic Thunder“.)

„Who were you thinking of / when we were making love last night?“, fragt gegen Ende – nach einer weiteren Verschiebung im Beziehungsgeflecht – einer der Country-Songs, die den Soundtrack dominieren. Und etwa zu dem Zeitpunkt ist mir aufgegangen, wie stark die abwegigen, besoffenen, aber durchwegs ernst gemeinten shaggy dog stories dieses Films übers Lieben, Arbeiten und Betrügen einem bestimmten Countrysong-Duktus nachempfunden sind (ähnlich wie die HipHop-Tracks in „Office Space“ schon mehrdeutiges Programm waren). „Ausgequetscht“ hat von Waylon Jennings mehr begriffen als „Crazy Heart“. Und dank Kristen Wiigs famoser Darstellung der Gattin Suzie – wie diese Frau Gesichtsausdrücke zerkauen kann! – wird man eine ergreifendere Eheballade im aktuelleren Amikino lange suchen müssen. Dass der Film den deutschen Sprachraum erst auf DVD erreicht, ist schade, überrascht bei einer Arbeit von derart diskreter Qualität aber nicht weiter.

Zur DVD: Englischsprachige Untertitel wären angenehm gewesen. Die Extras – eine (kurze) geschnittene Szenen, ein paar (minimal) erweiterte Szenen, ein nettes 11-minütiges Making Of-Featurette – gehen nicht über Pflichtübungen hinaus und tragen wenig Erkenntnisförderndes zur Methode Judge bei. Was sollte auch einem Film hinzuzufügen sein, der das Extrakt schon im (Original-)Titel trägt?

Benotung des Films :

Joachim Schätz
Ausgequetscht
(Extract)
USA 2009 - 92 min.
Regie: Mike Judge - Drehbuch: Mike Judge - Produktion: John Altschuler - Kamera: Tim Suhrstedt - Schnitt: Julia Wong - Musik: George S. Clinton - Verleih: Kinowelt - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Jason Bateman, Mila Kunis, Kristen Wiig, Ben Affleck, J.K. Simmons, Clifton Collins Jr., Dustin Milligan, David Koechner, Beth Grant, T.J. Miller, Javier Gutiérrez
DVD-Starttermin (D): 15.07.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1225822/
Foto: © Kinowelt

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