Ausente

(AR 2011; Regie: Marco Berger)

Blicke männlichen Begehrens

Der männliche Körper als Objekt des Begehrens und die Blicke, die dieses Begehren evozieren, durchziehen in ihrer motivischen Verschränkung Marco Bergers Film „Ausente“ (Abwesend). Zunächst ist es der jugendliche Körper des 16-jährigen Schülers Martín (Javier De Pietro), der in einer Reihe von Detailaufnahmen auf Gliedmaßen, Muskeln, Haut und Haare als Gegenstand erotischer Faszination beschworen wird. Es sind dies Fragmente der Lust, die andererseits in Martíns eigenen Blickbewegungen, die er auf seine Klassenkameraden in der Umkleidekabine eines Schwimmbads richtet, eine Fortsetzung finden und die Wahrnehmung dominieren. Im subjektiven Wechselspiel mit dem Auge der Kamera teilt Berger die Lust des Voyeurs zugleich mit seinem Protagonisten und dem Zuschauer. Immer wieder auch inszeniert der argentinische Filmemacher seinen Helden in typischen Pin-up-Posen unter der Dusche oder auf dem Bett, um seinen homoerotischen Obsessionen Ausdruck zu verleihen. Diese Offensichtlichkeit geriete in einem heterosexuellen Diskurs sofort unter den Verdacht sexueller Ausbeutung und ästhetischer Kitsch-Produktion. In Marco Bergers Kino der Blicke und der unausgesprochenen Gefühle verdichtet sich jedoch gerade darin eine spannungsgeladene erotische Atmosphäre.

Insofern ist Martín Blanco – sein Name deutet es an – auch eine Projektionsfläche für heimliche oder uneingestandene Sehnsüchte und Wünsche. Das Doppeldeutige zwischen Anziehung und Abstoßung sowie der mysteriöse Thrill des Unbestimmten, von der Musik Pedro Irustas kongenial unterstützt, kennzeichnet auch die Beziehung Martíns zu seinem Schwimmlehrer Sebastián Armas (Carlos Echevarría). Unter diversen Vorwänden und immer neuen Lügen versucht der Jüngere den Älteren zu verführen. Die ungewohnte Nähe, die daraus resultiert, vermittelt sich über Blicke und Gesten und stellt sich ein über absichtliche Umwege und Verhinderungen. Das einmal von Sebastián imaginierte Versteckspiel im Labyrinth der Umkleidekabinen ist ein treffendes Bild für diese wechselseitige Suchbewegung, die Marco Berger zwischen Wunsch und Wirklichkeit ansiedelt.

Denn in seiner Verantwortung als Lehrer ist Sebastián einem zunehmend stärker werdenden psychischen Druck ausgesetzt und in einem fatalen Gefüge aus Lust, Angst und Schuld gefangen. Berger entwickelt hier einen komplexen Charakter, der im komplizierten Spannungsfeld zwischen privaten und öffentlichen Konflikten, die immer nachdrücklicher sein Leben erschüttern, förmlich aus der Bahn geworfen wird. Als er erkennt oder sich eingesteht, was er tatsächlich fühlt und will, ist es bereits zu spät. Sebastián ist ein tragischer Held, der schließlich an sich selbst und den verinnerlichten gesellschaftlichen Verboten scheitert.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Ausente
(Ausente)
Argentinien 2011 - 91 min.
Regie: Marco Berger - Drehbuch: Marco Berger - Produktion: Mariano Contreras - Kamera: Tomas Perez Silva - Schnitt: Marco Berger - Musik: Pedro Irusta - Verleih: Pro-Fun - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: Javier de Pietro, Carlos Echevarría, Antonella Costa, Rocio Pavon, Alejandro Barbero, Luis Mango
Kinostart (D): 12.01.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1796406/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.