Auge um Auge – Out of the Furnace

(USA/GB 2013; Regie: Scott Cooper)

Peace doesn't live here anymore

Amerika ist im Krieg. Doch das rostbraune Kleinstadtamerika (kein mittelständisches Suburbia, sondern eine Arbeiterkleinstadt mit Stahlwerk, die damit eh schon irgendwie aus der Zeit gefallen scheint) in „Out of the Furnace“ ist so hermetisch, dass der Krieg im Irak ebenso gut auf einem anderen Planeten stattfinden könnte. Evident wird dieser Krieg am anderen Ende der Welt zunächst nur anhand der Narben, die Veteran Rodney Baze Jr. (Casey Affleck) – nicht nur auf dem Körper – trägt. Rodney will nicht im Stahlwerk arbeiten wie sein Bruder Russell (Christian Bale) und ihr Vater vor ihnen. „Fuck the mill,“ sagt er einmal wutentbrannt zu seinem Bruder. Das Aus-der-Familie-Fallen als endgültiges Aus-der-Welt-Fallen, noch aus dem letzten sozialen Zusammenhang (und sei er noch so patriarchal). Im amerikanischen Kino steht dieser Rodney in der Tradition der Vietnamsoldaten Travis Bickle und John Rambo, die nachhause zurückkommen nur um festzustellen, dass es „Zuhause“, gedacht einfach nur als ein Ort jenseits des ewigen Krieges, für sie nicht mehr gibt. Also kämpft Rodney weiter. Mit blanken Fäusten. Mann gegen Mann. Für Geld, um das es hier längst nicht mehr geht, für niemanden. (Oder auch: das Geld, das scheinbar alles bestimmt, das Schicksal (fast) jeder Figur besiegelt, ist nicht mehr das, wofür man kämpft und tötet, es ist vielmehr ein Vorwand, weiter zu kämpfen und weiter zu töten.)

Und wie in den im Horror-Kostüm gewandten amerikanischen Kriegsfilmen der Siebziger Jahre, „The Texas Chainsaw Massacre“, „The Hills have Eyes“ oder „Dawn of the Dead“, verläuft die frontier, die Front im Krieg zwischen Barbarei und Zivilisation (aber: was heißt das schon?) mitten durch das amerikanische Hinterland und ist maximal durchlässig. Jenseits von ihr, in den Bergen, in die die Polizei sich nur in gezielten SWAT-Team-Vorstößen traut, herrscht Harlan DeGroat (Woody Harrelson). Gleich zu Beginn demütigt und verprügelt er im Autokino eine Frau, während auf der Leinwand vor ihm die kalten, blaustichigen Bilder eines Films laufen, „The Midnight Meat Train“, der davon erzählt, wie ein Projekt der Zivilisierung in eine neue, durchorganisierte Form der Barbarei und des Menschenschlachtens führt. „I got a problem with everybody,“ sagt dieser DeGroat an einer Stelle und hat damit sein Verhältnis zur Welt erschöpfend beschrieben.

An Zivilisierungsversuchen mangelt es nicht. Die (freilich weniger gewichtige) Hälfte des Figurenensembles erfüllt nur die Funktion, den Versuch zu unternehmen, die andere Hälfte zu befrieden. Doch ob Frau (Zoe Saldana), Gesetzeshüter (Forest Whitaker) oder einfach nur etwas besonnener Gangster (Willem Dafoe), das Es der männlichen Gewalt, die Logik des Krieges, will kein beschwichtigendes Über-Ich zulassen. Nicht der Krieger wird zum Arbeiter, sondern der Arbeiter zum Krieger. Die Rache, auf die das hinausläuft, ist alles andere als eine Affekthandlung. Sie ist die Tat eines Mannes, der sehenden Auges, beinahe bedacht in sein Verderben rennt, weil er nicht anders kann, als die Spirale der Gewalt eine Runde weiter zu drehen, seinen Platz einzunehmen im kriegerischen Patriarchat. Wie einsam das macht, zeigt die letzte, als Epilog angelegte Einstellung. Amerika ist im Krieg und für diejenigen, die den Krieg nicht hinter sich lassen können, gibt es in „Out of the Furnace“ keinen Trost. Gerade deshalb ist dieser brillant besetzte, durch und durch düstere Film Schlechte-Laune-Kino der wuchtigsten Sorte.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Auge um Auge - Out of the Furnace
(Out of the Furnace)
USA / Großbritannien 2013 - 116 min.
Regie: Scott Cooper - Drehbuch: Brad Ingelsby, Scott Cooper - Produktion: Michael Castigan, Leonardo DiCaprio, Sven Kavanaugh, Ridley Scott, u.a. - Kamera: Masanobu Takayanagi - Schnitt: David Rosenbloom - Musik: Dickon Hinchliffe - Verleih: Tobis - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Woody Harrelson, Dendrie Taylor, Christian Bale, Casey Affleck, Zoe Saldana, Sam Shepard, Willem Dafoe, Forest Whitaker, u. a.
Kinostart (D): 03.04.2014

DVD-Starttermin (D): 11.09.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1206543/?ref_=nv_sr_1
Foto: © Tobis

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