Auf dem Weg zur Schule

(F 2013; Regie: Pascal Plisson)

Fremdländische Akzente

„Wie leicht vergessen wir, was für ein Glück es ist, in die Schule zu gehen“, lautet die eingangs formulierte, ziemlich plakative Botschaft von Pascal Plissons Film „Auf dem Weg zur Schule“ („Sur le chemin de l’école“). Dass der Zugang zu Wissen und Bildung nicht überall auf der Welt selbstverständlich ist, dürfte allgemein bekannt sein. Plissons teilweise einfältiges Plädoyer für den Schulbesuch unterstellt aber auch, dass sich durch Bildung Wohlstand und Lebensglück mehren oder sich zumindest das Leben besser verstehen lässt. Die portraitierten Kinder seines Films träumen jedenfalls davon, einmal Arzt, Lehrer oder Pilot zu werden und scheuen dafür nicht die beträchtlichen Mühen strapaziöser Schulwege. Auch wenn es dafür keine einfache oder direkte Vergleichsebene gibt, soll damit dem verwöhnten Wohlstandsschulkind signalisiert werden, sein konstantes Lamentieren einmal hintanzustellen. Zumal uns dabei Kindergesichter ansehen, die vor Glück nur so strahlen. Man kann sich also schon auch fragen, warum das kleine Glück eines einfachen, bescheidenen Lebens gegen das angeblich große Glück der Wohlstandhemisphäre eingetauscht werden sollte.

Zumal der mit Tier- und Naturdokumentationen bekannt gewordene Pascal Plisson seinerseits wiederum keine Mühen scheut, um die Schönheit der sich in Licht und Weite erstreckenden Landschaften in ebenso schönen Bildern einzufangen. Kurze Streiflichter auf die jeweils archaisch und religiös geprägte Alltagskultur beschwören überdies traditionelle Werte, die andererseits durch das schmale Hauptsujet des Films in Frage gestellt werden. Warum also sollen oder wollen diese Kinder ihre Heimat verlassen? Die Antwort liegt vermutlich in der jeweils umgekehrten kulturellen Blickrichtung mit der Plisson eine Lebenswelt romantisiert, die für ihre Bewohner weit weniger anheimelnd ist. Dazu passt, dass seine vorgebliche Dokumentation eher wie ein Spielfilm aussieht, der die stundenlangen Schulwege der Kinder sowie die damit verbundenen Strapazen und Gefahren dramatisiert und so zu kleinen Abenteurerreisen macht. Auch die ärgerliche Synchronisation, die mit fremdländischen Akzenten unecht und aufgesetzt wirkenden Dialoge artikuliert, verstärkt diesen Eindruck des Fiktionalen.

Am Anfang gräbt ein 11-jähriger kenianischer Junge namens Jackson im Steppensand nach Wasser, was sich ebenso als Metapher für die Botschaft des Films verstehen lässt wie der steile, steinige Bergpfad, den die 12-jährige marokkanische Schülerin Zahira aus einem Berberdorf im Atlas mit ihren Freundinnen bewältigt. Lernen sei so anstrengend wie Bergsteigen, sagt das Mädchen. Mindestens genauso schwierig scheint aber die Orientierung in einer afrikanischen Steppenlandschaft oder in der Weite Patagoniens, wo die Geschwister Carlito und Mica auf einem Pferd unterwegs sind. Der gehbehinderte Samuel vom Golf von Bengalen wiederum ist darauf angewiesen, dass er von seinen beiden Brüdern in einem klapprigen, selbstgebauten Rollstuhl auf beschwerlichen Wegen zur Schule gebracht wird. Mit beeindruckender Disziplin, unverfälschtem Optimismus und liebeswertem Heldenmut überwinden diese Kinder die Beschwernisse und Gefahren langer Schulwege, um ihren Hunger nach Bildung zu stillen und später einmal, wie eines von ihnen sagt, „etwas Sinnvolles zu tun“.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Auf dem Weg zur Schule
(Sur le chemin de l’école)
Frankreich 2013 - 77 min.
Regie: Pascal Plisson - Produktion: Barthelemy Fougea, Stéphanie Schorter, Champenier - Kamera: Pascal Plisson, Simon Watel - Schnitt: Sarah Anderson, Sylvie Lager - Musik: Laurent Ferlet - Verleih: Senator - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Jackson & Salome Saikong, Zahira Badi, Carlito & Micaela Janez, Samuel J., Gabriel J. & Emmanuel J. Esther
Kinostart (D): 05.12.2013

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3013258

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