Au Revoir Taipeh

(TW / D / USA 2009; Regie: Arvin Chen )

Uns bleibt immer Taipeh

Kai sitzt mit gebrochenem Herzen in Taipeh. Seine Freundin ist in Paris, und so lernt er allabendlich in der Buchhandlung Französisch per Lautschrift und sehnt sich in die weite Welt, in die Arme seiner Geliebten. Paris als der große Sehnsuchtsort der Liebe bestimmt sein Denken und Handeln, von Taipeh erwartet er nichts, auch nicht von der netten Buchhändlerin Susie. Wie Kai die Realität nicht sieht und in seinen Illusionen schwelgt, macht einen Teil des Witzes von „Aur Revoir Taipeh“ aus: das Gute liegt so nah, doch er will in die Ferne schweifen, sieht gar nicht, dass seine Freundin in Frankreich nichts mehr von ihm wissen will, und wie freundlich Susie ist … Soweit die Ausgangslage für eine schöne romantische Komödie; doch Regisseur Arvin Chen hat in seinem Debüt noch viel mehr zu bieten.

Um Geld für ein Flugticket zu erhalten, lässt Kai sich auf einen Kurierdienst für einen alternden Gangster ein, und in dieser Nacht häufen sich die absonderlichen Ereignisse. Er trifft auf Susie, muss sich gegen grell orange gekleidete Möchtegerngangster wehren, wird von einem trotteligen Polizisten mit Liebeskummer verfolgt, sein bester Freund wird entführt; zwischendurch muss er auch noch bei der Nudelküche seiner Eltern vorbeischauen. Die romantic comedy wird zur Gangsterkomödie, zur Kriminalfarce: Skurrile Gestalten treffen in dieser Nacht aufeinander, und keiner ist das, was er sein möchte: die jungen Gangster freuen sich über die Pistolen in ihrer Hand, zeigen sich aber bei ihren Folterversuchen besorgt, ob’s denn weh getan hat. Kais Freund, ein langer Lulatsch, freundet sich mit seinen Entführern an; der Polizist will seine Beziehungsprobleme lösen und muss dabei noch seinen Dienst tun; der alte Gangster will eigentlich nur einen Altersruhesitz für sich. Und Kai, der so gerne nach Paris will, lernt seine Stadt Taipeh und seine Buchhändlerin Susie ganz neu kennen.

Arvin Chen ist in den USA aufgewachsen und erst als Erwachsener nach Taipeh zurückgekehrt, der Film wurde international coproduziert, Wim Wenders ist als Ausführender Produzent mit an Bord, Paris wird als großer Ort der Sehnsucht etabliert. Aber eigentlich ist dies einfach eine Liebeserklärung an Taipeh, an die romantischen Geheimnisse der Stadt, wie sie nur im Film vorkommen können. Erstaunlich ist die Souveränität, mit der Chen seinen Erstling inszeniert, wie er die Dramaturgie dieser Nacht beherrscht, wie er die Genres mischt, wie er das Filmdesign immer ein bisschen zuviel gestaltet, um einen leicht skurrilen Effekt zu erreichen, welch genaues Gespür er für komisches Timing hat: wenn einer der Gangster per Telefon die wüstesten Drohungen ausstößt, was er mit seiner Geisel anstellen wird, und sein Opfer zugleich mit freundlichen Gesten beschwichtigt …

Unterlegt ist der Film mit leichten, tänzerischen Jazzmelodien, die sich perfekt einfügen in den bunten, bizarren, überaus komischen und durch und durch romantischen Film: einmal, um sich vor den Verfolgern zu verstecken, schließen sich Kai und Susie einer nächtlichen Tanzgruppe im Park an, und nein: Das ist nicht nur Tarnung, wie sie sich da im Rhythmus bewegen, das ist die große Leichtigkeit des Daseins, des Beieinanderseins, des Filmseins, das Chen zelebriert.

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Benotung des Films :

Harald Mühlbeyer
Au Revoir Taipeh
(Yi yè Tài bei )
Taiwan / Deutschland / USA 2009 - 85 min.
Regie: Arvin Chen - Drehbuch: Arvin Chen - Produktion: InAh Lee, Wei-Jan Liu - Kamera: Michael Fimognari - Schnitt: Justin Guerrieri - Musik: Hsu Wen - Verleih: Arsenal - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Jack Yao, Amber Kuo, Joseph Chang, Lawrence Ko, Frankie Gao, Peggy Tseng, Tony Yang, Paul Chiang, Vera Yen, Jack Kao, Rui Qi Liu, Jonah Tseng
Kinostart (D): 25.11.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1291125/
Foto: © Arsenal

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