Atlantic.

(NL / B / D / MA 2014; Regie: Jan-Willem van Ewijk)

Verloren im Offenen

Ein Windsurfer gleitet in die Weite des offenen Meeres einem fernen Horizont entgegen. In der Totale des Bildes, aus der extremen Vogelperspektive aufgenommen, ist er fast eins mit den Elementen, als wäre der Ozean seine Heimat. Das Gefühl der Freiheit, das der undefinierte Raum eröffnet, beschreibt hier also zunächst ein Bei-sich-Sein, eine Identität. Von einer unbestimmten Sehnsucht getrieben, zielt das sanfte, ruhige Gleiten durch Wind und Wellen zugleich auf einen Jenseits-Ort, eine Überwindung von Grenzen. In Jan-Willem van Ewijks ebenso poetischem wie bildmächtigem Film „Atlantic.“, der dieses Unbestimmte der Existenz und seine widerstreitenden Gefühle immer wieder suggestiv beschwört, sind die Grenzen zunächst kulturell bedingt, im Weiteren aber auch politisch.

Der 32-jährige Fettah (kongenial verkörpert von dem Windsurfer Fettah Lamara), Sohn eines armen Fischers aus einem kleinen marokkanischen Dorf unweit der Küstenstadt Essaouira, ist unterwegs nach Europa. Der talentierte Windsurfer, ein stiller, zurückhaltender, seelenvoller Charakter, für den die große Welt bereits in Casablanca beginnt, hat sich in die junge Surf-Touristin Alexandra (Thekla Reuten) verliebt, die zusammen mit ihrem Freund Jan (gespielt vom Regisseur) nach einem Ferienaufenthalt wieder abgereist ist. In Off-Monologen, die an wechselnde Adressaten gerichtet sind, reflektiert Fettah Abschied und Heimweh, Liebe und Schmerz sowie jene ungreifbare Sehnsucht, die er wechselnd auf die entfernte Freundin, seine früh verstorbene Mutter oder aber das Meer projiziert. Angezogen von der Macht des verheißungsvollen Fremden und im Widerspruch zwischen Fülle und Mangel gefangen, ähnelt Fettah in seinem Fernweh einem Liebeskranken, der einem Phantom folgt und dem dabei die Gewissheit ständig entgleitet.

„Suche ich nach etwas, das nie wiederkehren wird? Suche ich nach dem Verschwundenen?“ Jan-Willem van Ewijk übersetzt die differente Erfahrung dieses beständigen Gleitens entlang einer geographischen, politischen und nicht zuletzt spirituellen Grenze in eine ästhetisch offene Form. Seine konzentrierte, fast meditative visuelle Erzählung bewegt sich assoziativ durch die Zeit, verknüpft dabei Gegenwärtiges und Vergangenes zwanglos zu einem faszinierenden Filmpoem, lässt die vermeintlichen Enden der angedeuteten Geschichten in die Zeit ragen, hält diese schließlich immer wieder an, um sie in der Schönheit zeitloser Stillleben zu verdichten. Der Blick des Regisseurs auf seinen sehnsuchtstrunkenen, vielleicht verlorenen Helden ist dabei von zärtlicher Nähe und großer Körperlichkeit bestimmt. Nichts ist abgeschlossen in van Ewijks Film „Atlantic.“, während Fettah ins Offene treibt. Das Stoffliche beziehungsweise konkret Greifbare lässt sich allenfalls in der sinnlichen Erfahrung von Kultur, lebendiger Gemeinschaft und in der Auseinandersetzung mit einer überwältigenden Natur fassen.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Atlantic.
Niederlande / Belgien / Deutschland / Marokko 2014 - 94 min.
Regie: Jan-Willem van Ewijk - Drehbuch: Abdelhadi Samih, Jan-Willem van Ewijk - Produktion: Bero Beyer, Karl Dillon, Marion Hänsel, Marianne Lambert, Fabian Massah, Philip Meyers, Steven Novick, Hans Oerlemans, Catharina Schreckenberg, Aron Michael Thompson, Jan-Willem van Ewijk - Kamera: Jasper Wolf - Schnitt: Mona Bräuer - Verleih: Neue Visionen - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Fettah Lamara, Thekla Reuten, Mohamed Majd, Boujmaa Guilloul, Jan-Willem van Ewijk, Steven Novick, Aron Michael Thompson, Wisal Hatimi, Idriss Karimi, Soufyan Sahli, Hassna Souidi
Kinostart (D): 25.06.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2196488/

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