Araf – Somewhere in Between

(TR / D 2012; Regie: Yesim Ustaoglu)

In der Vorhölle

„‘Araf’ bedeutet Fegefeuer oder Limbus auf Türkisch, der Zustand des Wartens zwischen Himmel und Hölle“, erklärt Yesim Ustaoglu den Titel ihres neuen Films. Irgendwo dazwischen, gleichermaßen von Ungewissheit und Hoffnungslosigkeit umlagert, befinden sich dessen Helden. Ihre Perspektivlosigkeit an der Schwelle zum Erwachsensein spiegelt die renommierte türkische Regisseurin auf vielfache Weise: Die etwa 18-jährige Zehra (Neslihan Atagül) und ihr gleichaltriger Freund und Kollege Olgun (Barış Hacıhan) arbeiten an einer frequentierten Autobahnraststätte zwischen der Hauptstadt Ankara und der Metropole Istanbul. An diesem anonymen Transitort im provinziellen Nirgendwo verflüchtigen sich die Begegnungen und Blicke zwischen Ruhe und Bewegung und wecken zugleich die Sehnsucht nach der Ferne.

Wenn zu Beginn von „Araf – Somewhere in between“ sich heiße, noch glühende Schlacke aus den Stahlwerken der nah gelegenen Stadt Karabük in den Schnee der winterlichen Landschaft ergießt, sind diese unvereinbaren Gegensätze mit ihren Assoziationen zur Vorhölle bereits ins Bild gefasst. Auch Zehras Erschöpfungszustände, unter denen sie als Bedienung in den langen Nachtschichten leidet, markieren einen physischen Schwebezustand. Intim, fast zärtlich gleitet die Kamera über den schlafenden Körper der jungen Frau, verweilt behutsam auf Details, betrachtet andächtig ihr Gesicht und bringt gerade durch diese schwesterliche Nähe ihre Seele zum Leuchten. Umso härter ist der Kontrast, wenn die Kamera auf qualmende Fabrikschlote in der entfärbten Landschaft schwenkt und damit ein melancholisches Verlorenheitsgefühl evoziert. Immer wieder entwickelt Yeşim Ustaoğlu das vielschichtige Drama ihres Films aus stillen Beobachtungen einer schweifenden, agilen Kamera, aus Schärfenverlagerungen und einer elliptischen Erzählweise, um die soziale Tristesse und die trostlosen Aussichten ihrer jungen Helden zu visualisieren.

Das ist kunstvoll, sinnlich und sensibel inszeniert. Dabei verteilt Ustaoğlu die Gewichte ihres vielstimmigen Gesellschaftsporträts, das eine festgefügte, unverrückbare soziale Ordnung zeigt, auf ihre beiden jugendlichen Helden. Das Schweigen zwischen den Generationen setzt sich gewissermaßen fort in der Distanz und wortlosen Begegnung zwischen den Geschlechtern. Das Tabu einer unehelichen Schwangerschaft wirkt hier so stark und zerstörerisch, dass Zehra, als sie von dem Fernfahrer Mahur (Özcan Deniz) schwanger wird, Ausgrenzung und Hilflosigkeit erfährt. Yeşim Ustaoğlu inszeniert dieses traumatische Erleben mit aller Drastik. Der Verlust der Unschuld mündet in die Zerstörung der Träume. Auch Olgun, in einer kaputten Familie gefangen, erlebt eine Desillusionierung. Er sei ein „vernebeltes Kind der verrauchten Stadt“, sagt er einmal über seine Herkunft. Im Hinblick darauf erscheint das märchenhafte, die allgegenwärtigen TV-Träume parodierende Ende des Films als bittere Ironie.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Araf – Somewhere in Between
(Araf)
Türkei / Deutschland 2012 - 124 min.
Regie: Yesim Ustaoglu - Drehbuch: Yesim Ustaoglu - Produktion: Serkan Cakarer, Catherine Dussart, Yesim Ustaoglu, Michael Weber - Kamera: Michael Hammon - Schnitt: Mathilde Muyard - Musik: Marc Marder - Verleih: One Filmverleih - Besetzung: Neslihan Atagül, Baris Hacihan, Özcan Deniz, Nihal Yalcin, Yasemin Conka
Kinostart (D): 29.05.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2249712/
Link zum Verleih: https://www.trigon-film.org/de/movies/Araf

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