American Honey

(GB/USA 2016; Regie: Andrea Arnold)

Verlorene Verlierer

Eine junge Frau sucht im Container eines Supermarktes nach Lebensmitteln. Zusammen mit zwei jüngeren Geschwistern lebt sie bei ihrem (sexuell) übergriffigen Vater in sozial prekären Verhältnissen. Doch ganz klar sind die Verwandtschaftsbeziehungen und Lebensumstände nicht gezeichnet. Diese stecken vielmehr in den Details einer verwahrlosten Wohnung, in der die Kinder sich selbst überlassen sind. Einschnürende Enge ist deshalb das deprimierende Gefühl, aus dem die 18-jährige Star (Sasha Lane) ausbrechen möchte. Die britische Regisseurin Andrea Arnold akzentuiert in ihrem neuen, vielgelobten Film „American Honey“ diese Dialektik zwischen Gefangenschaft und Freiheitssehnsucht, indem sie ihre Figuren in das fast quadratische Academy-Format „einsperrt“. Doch dann verliebt sich Star in den charmant unkonventionellen Jake (Shia LaBeouf), der sie für seine Drückerkolonne anwirbt.

Dabei ist das titelgebende Südstaatenmädchen mit dem assoziationsreichen Namen naiv und gutgläubig genug, um diesen Aufbruch zunächst als Versprechen für ein besseres Leben zu empfinden. Unterwegs durch die weite, sonnenbeschienene Landschaft gibt sich die bunte, stets bekiffte Truppe, die als eingeschworene Gemeinschaft erscheint, jedenfalls ziemlich relaxt, optimistisch und siegessicher: „Wir arbeiten nicht nur, wir erobern Amerika, wir feiern.“ Doch solche Sprüche, permanente Ausgelassenheit und regelmäßige Rauschzustände können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Jugendlichen zu den Verlierern der Gesellschaft gehören. Versklavt und ausgebeutet von ihrer zwielichtigen Chefin Krystal (Riley Keough), die überdies ein undurchsichtiges Verhältnis zu ihrem Anwerber und Vorarbeiter Jake pflegt, gehen die Drücker von Tür zu Tür, um mit Tricks und Schwindeleien Zeitschriften-Abos zu verkaufen. Im Kontrast zum umgebenden Wohlstand erscheinen die Verlierer dabei nicht selten als Verlorene.

Man müsse diese Arbeit als Spiel auffassen, sagt Jake, der die Menschen blendet und verführt. Doch dafür ist Star zu aufrichtig, weshalb sie bald in Konflikte und zweideutige Situationen gerät, vor allem aber in ihrer Beziehung zu Jake und seinen Glücksversprechungen ernüchtert wird. Andrea Arnolds Interesse gilt dabei – trotz der dokumentarrealistischen Ästhetik ihres Films – weniger der Arbeit, sondern vielmehr dem Blick auf ein vielgestaltiges Land, dessen extreme soziale Ungleichheit von der Mitte bis zu den Rändern der Gesellschaft ebenso Wohlstand wie Armut und Verwahrlosung umfasst. Das Genre des Roadmovies ist dafür allerdings nicht nur ein Vehikel; das Unterwegssein, durch Musik und Drogenkonsum stimmungsvoll aufgeladen, erscheint selbst als Gegengewicht beziehungsweise Korrektiv dazu. „Dream baby dream. We gotta keep the fire burning“, tönt es einmal von Bruce Springsteen alias „The Boss“ aus dem Auto-Radio. Das klingt wie bittere Ironie angesichts jener unerreichbaren Wirklichkeit, durch die sich die Jugendlichen mit ihren vagen Träumen fas bewusstlos bewegen.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu ‚American Honey‘.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
American Honey
(American Honey)
Großbritannien/USA 2016 - 163 min.
Regie: Andrea Arnold - Drehbuch: Andrea Arnold - Produktion: Thomas Benski, Lars Knudsen, Lucas Ochoa, Pouya Shahbazian - Kamera: Robbie Ryan - Schnitt: Joe Bini - Verleih: Universal Pictures International - Besetzung: Sasha Lane, Shia LaBeouf, Riley Keough, McCaul Lombardi, Arielle Holmes, Crystal Ice, Veronica Ezell
Kinostart (D): 13.10.2016

DVD-Starttermin (D): 23.02.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3721936/
Link zum Verleih: http://upig.de/
Foto: © Universal Pictures International

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