Altman

(KAN 2014; Regie: Ron Mann)

Meister der Ambivalenz


„Ich denke, es ist angemessen, seine Filme in einer Linie zu sehen, wenn auch nicht in einer geraden.“
– Norbert Grob

Am 20. Februar 2015 wäre Robert Altman, gestorben im November 2006, 90 Jahre alt geworden. Ein guter Grund für den Filmemacher Ron Mann, die höchst eigenwillige und eindrucksvolle, sechs Jahrzehnte überdauernde Karriere Altmans noch einmal in Erinnerung zu rufen. Obwohl Altmans Œuvre gerne dem „New Hollywood“ der 1970er Jahre zugerechnet wird, war der Filmemacher bereits 44 Jahre alt, als er mit „M.A.S.H.“ erstmals einen waschechten „Autorenfilm“ realisieren konnte. Zuvor hatte er das Handwerk zunächst bei Industriefilmen erlernt und sich anschließend als einer der Top-Fernseh-Regisseure („Bonanza“) etabliert, obwohl er bei den Produzenten immer wieder durch Themenwahl oder technische Details aneckte. Der industriellen Arbeit am Konventionellen versuchte sich Altman subversiv zu entziehen: er setzte auf Naturalismus, Sozialkritik, Transgression, Widerstand gegenüber Normen und eine gewisse Beharrlichkeit, die schließlich in eine »konsequente« Karriere voller „Ups“ und „Downs“ mündete. Doch immer mal wieder begegnete der „Zeitgeist“ dem Schaffen des Querkopfs Altman und versöhnte mit den zwischenzeitlichen Durststrecken.

Mann konstruiert seinen Film um unterschiedliche Begriffsbestimmungen des „Altmanesken“, mal eher objektiv, mal eher subjektiv und in Hinsicht auf Altmans Biografie formuliert von Weggefährten wie Sally Kellerman, Lily Tomlin, James Caan, Elliot Gould, Keith Carradine oder Bruce Willis. Ihm geht es dabei (leider) nicht um eine filmhistorisch-kritische Werkanalyse, sondern eher um eine lückenhafte autobiografische Erzählung, die möglich wird, weil Mann auf allerlei Interviews, Home Movies und Fotos aus Altmans Archiven zurückgreifen kann.

Altmans internationale Karriere beginnt 1969 mit der Anti-Kriegs-Farce „M.A.S.H.“, die gegen den Widerstand des Studios durchgesetzt wird und in Cannes triumphiert. Es ist ein durchgängiges Motiv des Films, dass es darum geht, den durch Zufall entstehenden Freiraum als Chance zu nutzen, um künstlerische Visionen zu realisieren. Der gewisse Kniff: Bekannte Stoffe, an denen ein wenig geschraubt wird, bis unangenehme Wahrheiten über Amerika erkennbar werden. „Immer muss transparent werden, wie überholt die alten, gängigen Formen inzwischen sind. Das Übliche (die konventionellen Regeln fürs Erzählen) nimmt Altman als Ausgangspunkt, von dem aus er seine Stoffe zu überprüfen und zu verändern sucht – und dann nimmt er Reißaus: in eine andere, oft die entgegengesetzte Richtung. Das Historische: kritisch; das Mythische: aufklärerisch; das Gesellschaftliche: karnevalesk. Das garantiert weder klarere Positionen noch bessere Antworten, nur andere Perspektiven und irritierende Fragen“, hat Norbert Grob in diesem Zusammenhang etwa formuliert.

Der Erfolg von „M.A.S.H.“ trägt Altman gut durch die siebziger Jahre. Er realisiert in steter Folge Klassiker wie „McCabe & Mrs. Miller“, „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, „Nashville“ oder „Eine Hochzeit“, vergessene Filme wie „California Split“ oder „Diebe wie wir“ und produziert nebenher noch die ersten Filme von Alan Rudolph und „Die Katze kennt den Mörder“ von Robert Benton. Doch unvermittelt – Manns Film gibt nur hierfür wenig überzeugende Antworten – endeten die Jahre des Erfolgs mit einer Folge von Flops: „Quintett“, „Ein perfektes Paar“, „Der Gesundheits-Kongreß“ und „Popeye“. Das nimmt sich aus wie eine Variante zu Peter Biskinds „Raging Bulls, Easy Riders“ über Aufstieg und Fall von „New Hollywood“. Altman geriet in die Krise, konnte und wollte keine Blockbuster drehen, wich ins Theater aus und landete erst 1988 mit der politisch-karnevalesken Mockumentary „Tanner“ ein Comeback.

Anfang der 1990er Jahre folgten mit „The Player“ und „Short Cuts“ noch einmal zwei Maßstäbe setzende Ensemblefilme. Altmans Spätwerk – durchaus respektabel – entsteht dann allerdings schon unter erheblichen gesundheitlichen Problemen: Herztransplantation, Schlaganfall. 2006, bei der Verleihung des „Oscars“ für das Lebenswerk – fünf Nominierungen waren zuvor erfolglos geblieben – resümiert der Filmemacher, er habe das Glück gehabt, nie einen Film drehen zu müssen, den er nicht habe drehen wollen.

Dass er trotzdem enorm produktiv war, verleiht Manns gerade einmal 95minütiger Dokumentation eine gewisse Kurzatmigkeit und Oberflächlichkeit. Von vielen späten Filmen erscheinen gerade mal die Titel oder die Filmplakate; die wiederholten Krisen und Altmans flexibler Pragmatismus, der eben nicht nur ein Kämpfer gegen das System war, sondern auch jede Gelegenheit zur Arbeit entschlossen zu nutzen verstand, werden etwas forciert und affirmativ überspielt. Am Ende wünscht man sich trotzdem sofort die umfassende Altman-Retrospektive, wissend, dass dies dieser Tage wohl ein Wunschtraum bleiben wird.

Anlässlich seines 90. Geburtstags dankt die filmgazette Robert Altman mit einem ausführlichen Dossier.

Benotung des Films :

Ulrich Kriest
Altman
(Altman)
Kanada 2014 - 105 min.
Regie: Ron Mann - Drehbuch: Len Blum - Produktion: Ron Mann - Kamera: Simon Ennis - Schnitt: Robert Kennedy - Verleih: NFP - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Julianne Moore, Robin Williams, Bruce Willis, James Caan, Paul Thomas Anderson, Keith Carradine, Sally Kellerman, Elliott Gould, Robert Altman, Lily Tomlin, Philip Baker Hall, Lyle Lovett, Michael Murphy
Kinostart (D): 19.02.2015

DVD-Starttermin (D): 28.05.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2404171/
Link zum Verleih: http://www.eurovideo.de/dvd-bluray,de,12,211923,altman,tv-kino-film.html?set=1

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