Aftershock

(CN 2010; Regie: Feng Xiaogang)

Bebende Herzen, bebende Welt

Als im Juli 1976 die nordostchinesische Stadt Tangshan von einem fürchterlichen Erdbeben erschüttert wird, sterben hunderttausende Menschen. Auch die beiden Kinder Li Yuan Nis (Xu Fan) werden unter den Trümmern begraben. Da erklärt ein Rettungshelfer der verzweifelten Mutter, die beiden würden noch leben. Jedoch müsse sie sich für die Rettung eines der Kinder entscheiden, die tonnenschwere Betonplatte könne nur an einer Seite angehoben werden. Schließlich wählt sie den Sohn, der zwar einen Arm verliert, aber geborgen werden kann. Unglücklicherweise hört das die Tochter Fang Deng (Zhang Jingchu), die direkt neben ihrem Bruder liegt, und die totgeglaubt im Geröll zurückgelassen wird. Als sie später wie durch ein Wunder ebenfalls gerettet wird, verleugnet sie, schockiert von der Entscheidung der Mutter, ihre Familie. Unter all den verwaisten Kindern wird sie schließlich von einem Pärchen, zwei Offizieren der Volksarmee, adoptiert und aufgezogen. Über Jahre hinweg weigert sich Fang Deng, nach ihrer Familie in Tangshan zu suchen.

Feng Xiaogang ist einer der erfolgreichsten chinesischen Filmemacher unserer Zeit. Die sich vor Bresson verneigende Taschendiebskomödie „World without Thieves“ und der sich an Shakespeares „Hamlet“ orientierende Historienfilm „The Banquet“ waren auch im Westen bei Fans und Kritikern beachtenswerte Erfolge. Der vor Pathos triefende Propagandakriegsfilm „Assembly“ zwar weniger, doch in seinem Heimatland war diese Blockbusterproduktion, die sich an ein kollektives Nationalgefühl richtete, ebenfalls äußerst erfolgreich. Kein Wunder also, dass auch in „Aftershock“ keine Gelegenheit ausgelassen wird, den Zusammenhalt des chinesischen Volkes, die kommunistische Führung, oder die Armee als hilfsbereite Solidaritätsgemeinschaft zu feiern. Und Mao Zedongs Tod wird, kulturell sicherlich korrekt, sowohl als trauerfeierliche Großveranstaltung wie auch als familiärer Schock inszeniert. Die Ausstellung des Bombasts und die Feier der Gigantomanie des Regimes allerdings sind äußerst bedenklich.

Und damit nicht genug – um auch möglichst viel emotionale Anknüpfungspunkte zu generieren, wird auch noch das große Beben in Sichuan von 2008 in den Film eingebunden. Auch die jüngeren Zuschauer sollten wohl nicht leer ausgehen. Und so nimmt es auch nicht Wunder, dass „Aftershock“ als der erfolgreichste chinesische Film aller Zeiten ausgegeben wird; ein Film, der 30 Millionen Dollar gekostet hat und allein in China das dreifache eingespielt haben soll. Die Freiburger Nachrichten lassen sich sogar zu dem Kommentar hinreißen, dass „Aftershock“ all die Elemente vereine, „die „Titanic“ zu einem Welthit gemacht haben.“

Es ist jedoch nicht die Politik, die hier im Vordergrund steht. Es ist der Mensch in seiner kulturell traditionsreichsten Erscheinungsform: der Familie. Um diese dreht sich alles in diesem auf den melodramatischen Kick hin ausgerichteten Film. Und da die Schauspieler hervorragend agieren (wenn sie der Regisseur nicht in das Overacting hineintreibt), wird der Zuschauer immer wieder emotional mitgerissen. Auch die Tonspur macht hier keine Kompromisse und ist sich für keinen Streichereinsatz zu schade. Es ist der Film als Familienfilm, der in dieser sich auftürmenden Epik als ansehbare Schnittstelle anbietet: die Angst der Mutter um die Tochter, die Reue der Tochter für ihre Unnachgiebigkeit, die Tränen des Stiefvaters um die verstorbene Frau. Die Sorge der Mutter um das ungeborene Kind. Zhang Yimous „Leben!“ kommt da in den Sinn, und im Vergleich zu diesem recht ähnlich gelagerten Film, der eine Familie in turbulenten Zeiten über mehrere Generationen hinweg portraitiert, werden doch die genannten Schwachpunkte von „Aftershock“ deutlich. So ist „Aftershock“ ein politisch problematischer, ein sehr vorhersehbarer, sich an den Massengeschmack anpassender Mainstreamfilm, der seinen Blockbusterstatus stolz präsentiert. Ein Film, der in der Darstellung der Katastrophe überwältigen will und in den Momenten der Familienmelodramatik durchaus berühren kann. „Aftershock“ ist ein ergreifend durchschnittlicher Film.

Benotung des Films :

Michael Schleeh
Aftershock
(Tang Shan Da Di Zhen)
China 2010 - 130 min.
Regie: Feng Xiaogang - Drehbuch: Wu Si - Produktion: Yanhong Guo, Sanping Han, Zhongjun Wang, Jianguo Yao,Hai Cheng Zhao - Kamera: Yue Lü - Schnitt: Xiao Yang - Musik: Li-guang Wang - Verleih: Koch Media - Besetzung: Xu Fan, Zhang Jingchu, Li Chen, Zhang Zifeng, Zhang Jiajun, Lu Yi, Zhang Guoqiang, Wang Ziwen, Yang Lixin, Lu Zhong, Yong Mei, Liu Lili
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 02.09.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1393746/
Link zum Verleih: http://www.kochmedia.de/haendler/shop/public/DVM001061D.jsf

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