20.000 Days on Earth

(GB 2014; Regie: Iain Forsyth, Jane Pollard)

Krumme Versionen seiner selbst

Erfahrungen und Eindrücke aus der Kindheit sind wie Schattenbilder, die in uns schlummern und ihre Geschichte erzählen wollen. Der australische Musiker, Autor, Poet und Schauspieler Nick Cave verhilft den Bildern an die Oberfläche, gibt ihnen eine Stimme und macht daraus eine ganz eigene Geschichte – voller Fiktion und Mythos – und lässt die Welt damit größer, mächtiger und stürmischer erscheinen. Der nun in den Kinos laufende Dokumentarfilm „20.000 Days on Earth“ ist ein weiteres Puzzleteil in der Mythologisierung seiner Welt.

Dabei verfolgt „20.000 Days on Earth“ zunächst ein recht profanes Konzept: Ein Tag im Leben des Musikers, also 24 Stunden mit der Person hinter der Projektionsfläche Nick Cave, womöglich eine Auflösung bisheriger Geheimnisse um diesen eleganten Künstler im schwarzen Anzug. Doch wird schon in der ersten Szene – beim Aufstehen und Rasieren im Bad – schnell klar, worum es geht: Um eine fiktive Überzeichnung des realen Lebens. Der Monolog von Nick Cave wird als Erzählerstimme die Alltags-Ereignisse im Film immer wieder brechen, mit einer eigenen metaphorischen Ebene versorgen und so dem Bild, das man von Nick Cave hat, nur weitere Spekulationen und Geheimnisse hinzufügen. Das passt. Zum einen zu Nick Caves Werk, das immer auf der Suche nach der unausgesprochenen Ebene hinter den Dingen ist. Zum anderen passt es auch zum künstlerischen Zugang der Regisseure Iain Forsyth und Jane Pollard zum verhandelten Thema: Die Verortung einer Erzähl-Maschine im eigenen Erzählen.

Zu dieser Verortung gehören auch die „lebensweltlichen Randbedingungen“: Musizieren am Klavier, Tippen an der Schreibmaschine, Gespräche mit Warren Ellis (Bandmitglied bei „The Bad Seeds“), eine Rückschau auf vergangene Tage im Archiv oder auch das kontrastreiche Wetter in Brighton, Nick Caves Wahlheimat. Alles wird mit Reflexionen angereichert, auch die Entstehungsgeschichte der Songs, und so in die sakrale oder spirituelle Umdeutung der Dinge verwoben. Nick Cave erzählt, spinnt seinen visuellen Erzählfaden weiter und arbeitet doch mit jedem Wort an der Mythologisierung des Gesamtbildes. Und dieses ist fest in der Erfahrungswelt von Nick Cave verankert. Im Grunde, sagt Cave an einer Stelle, produziere er in seinen Geschichten nur krumme Versionen seiner selbst.

Wenn der Film nicht den mythologischen Raum über den Banalitäten einer Autofahrt oder eines Mittagessens – oder vielmehr den Raum darunter – aufspannen würde, könnte man die Trivialisierung wohl auch schwer ertragen. Wer will schon sehen, wie Rockgott Cave vom Himmel herabsteigt und eine Lieferpizza vor laufendem Fernseher isst – ohne narrative Verfremdung. Selbst in der intimen Situation mit einem Therapeuten, mit dem Cave im Film über seine Kindheits- und Familienerlebnisse spricht, wirkt jeder Satz wohlüberlegt und komponiert. Nicht weil die Regisseure dies unbedingt beabsichtigt hätten, nicht weil Cave vor laufender Kamera spricht und auch hier eine Performance liefern muss, sondern weil der Masterplan im Kopf von Nick Cave selbst spricht. Nick Caves Habitualisierung einer schreibenden, schöpferischen Existenz ist beeindruckend, bis in kleinste Körperbewegungen hat sie sich in seinen Körper eingeschrieben. Sie spricht aus ihm, zieht an ihm, lässt ihn auf der Bühne verwandeln.

Man beißt sich als Fan und Zuschauer im Laufe des Films womöglich bei einer Frage die Zähne aus: Hat sich dieser Mann diesen Masterplan von der Berufung zum Welterschaffen vor langer Zeit angeeignet – mit seiner Lust am Kulturgut, seinem Interesse für Literatur, Film und Musik? Oder hat er sich aufgrund seines Suchens nach dem Verborgenen in uns im Laufe der Zeit in diese Erzähl-Maschine verwandelt? In einer Szene erzählt Cave, dass in seinen erschaffenen Welten eine übergeordnete Macht, eine Art Gott existiert, „jemand, der Buch führt“, an den er im echten Leben nicht glauben kann. Cave interessiert aber nicht, ob man an so eine Kraft glaubt oder nicht. Sondern dass man nie wissen kann. Und damit greifen seine Existenz und seine Kunst auf so spannende und so undurchdringbare Weise ineinander.

„20.000 Days on Earth“ ist Dokumentarfilm, Fiktion, Konzertmitschnitt und Portrait eines Mannes, der jeden Strich seines Portraits selbst zeichnen möchte. Und jemandem, der auf so wunderbare Weise mit seinen Worten zeichnen kann, hört und sieht man gerne dabei zu.

Benotung des Films :

Ilija Matusko
20.000 Days on Earth
(20,000 Days on Earth)
Großbritannien 2014 - 97 min.
Regie: Iain Forsyth, Jane Pollard - Drehbuch: Nick Cave, Iain Forsyth, Jane Pollard - Produktion: Thomas Benski, Jason Bick, Dan Bowen, Alex Dunnett, Hani Farsi, Paul Goldin, Paul Grindey, Andrew Hardwick, Anna Higgs, Tabitha Jackson, Lucas Ochoa, James Wilson, Marisa Clifford, Kurban Kassam, Andrew Noble, Peter Lee Scott - Kamera: Erik Wilson - Schnitt: Jonathan Amos - Musik: Nick Cave, Warren Ellis - Verleih: Rapid Eye Movies - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Nick Cave, Susie Bick, Warren Ellis, Darian Leader, Ray Winstone, Blixa Bargeld, Kylie Minogue, Arthur Cave, Earl Cave, Thomas Wydler, Martyn Casey, Conway Savage, Jim Sclavunos, Barry Adamson, George Vjestica
Kinostart (D): 16.10.2014

DVD-Starttermin (D): 20.02.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2920540/
Link zum Verleih: http://rapideyemovies.de/20-000-days-on-earth/

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