„Wenn man zu vorsichtig ist, erlebt man nichts mehr“

von Wolfgang Nierlin


Für ihre Literaturverfilmung „Nirgendwo in Afrika“ aus dem Jahre 2001 wurde Caroline Link mit dem Oscar ausgezeichnet. Jetzt ist die Regisseurin für die Dreharbeiten zu ihrem neuen Film „Exit Marrakech“ auf den afrikanischen Kontinent zurückgekehrt, um eine Vater-Sohn-Geschichte zu erzählen, die im Austausch mit einer fremden Kultur dramatisiert wird. Im Interview mit der Filmgazette sprach sie über ihre Faszination für Marokko, die Werte seiner Bewohner und die Offenheit für Erfahrungen beim Reisen.

Wolfgang Nierlin: Warum heißt Ihr Film „Exit Marrakech“?
Caroline Link: Ich wollte mit dem Titel „Marrakech“ signalisieren, dass Marokko eine große Rolle spielt; und „Exit“ war für mich der Begriff für eine Autobahnausfahrt, womit ich Bewegung oder auch das Genre des Roadmovies assoziiert habe. Mehr steckt nicht dahinter.

Warum haben Sie die Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts aber gerade in Marokko, also in einer fremden Kultur und Landschaft angesiedelt?
Genauso wichtig wie der Vater-Sohn-Konflikt ist mir das Land an sich. Ich habe in diesem Sinne etwas unorthodox entschieden, dass ich einen Film gerade dort drehen möchte, auch wenn ein solches Vorgehen nach Lehrmeinung eher unüblich ist. Ich habe aber vor zwanzig Jahren eine Reise mit meinem Mann Dominik (d.i. der Filmregisseur Dominik Graf) durch Marokko gemacht und ich wollte überprüfen, ob mich dieses Land immer noch so inspiriert und ob ich es immer noch so interessant finde in seiner Anmutung von Gefahr und Archaik, Verführung und Fremdheit. Im Hinterkopf hatte ich schon länger diese Konstellation von einem Sohn, der seinen Vater kaum kennt, bevor die beiden sich auf einer Fahrt dann näher kommen. Diese zwei Elemente waren mir also gleichermaßen wichtig. Ich habe sie dann zusammengefügt wegen meiner Wiederbegegnung mit Marokko. Die gleiche Geschichte hätte mich in Deutschland überhaupt nicht interessiert.

Welcher Austausch findet insofern statt zwischen dem Land und den Protagonisten?
Das Land ist dazu da, den Jungen der Gefahr auszusetzen, sich zu verlieren. In einem europäischen Land hätte das weniger funktioniert als in einem, in dem man die kulturellen Spielregeln nicht kennt. Ich wollte, dass das Publikum die ganze Zeit eine Gefahr von Bedrohung für diesen Jungen spürt.

In diesem Zusammenhang hat mich überrascht, wie unbekümmert, ja naiv er Land und Leuten begegnet. Ist das seiner Jugend geschuldet oder entspringt das eher einer Trotzhaltung gegenüber dem Vater?
Das ist für mich eine Art, zu sein. Der Junge ist unvorbelastet, er hat nicht so viele Ängste. Ich kann mich mit ihm identifizieren, weil ich früher auf Reisen auch unglaublich viel Mist gemacht habe, was glücklicherweise gut ausgegangen ist. Dem Jungen wollte ich diese Eigenschaften im Kontrast zu seinem Vater geben, der meint, schon alles gesehen, gelesen und erlebt zu haben. Ich fand diese Unbekümmertheit im Übrigen nicht so ungewöhnlich. Ich kenne junge Leute, die zwar einerseits ein stückweit naiv oder auch unvorbelastet sind; das ist aber andererseits auch ein großes Geschenk, wenn man so offenherzig sein kann. Man riskiert viel, aber dadurch passieren auch die tollsten Begegnungen. Wenn man immer zu vorsichtig ist und schon alles zu wissen meint, erlebt man auch nichts mehr.

Was fasziniert Sie persönlich an Marokko?
In diesem Land wollte ich lernen, was die Marokkaner an unserer Kultur nicht mögen und warum sie ihr feindselig gegenüber stehen. Ich habe verstanden, dass unser überheblicher und teils abwertender Umgang mit ihrer Kultur für Zorn sorgt. Es gibt Werte beziehungsweise ein Bild von der islamischen Gesellschaft, das mich berührt und das ich sehr wertvoll und kostbar finde. Zum Beispiel der weitaus weniger ausgeprägte Individualismus im Sinne von Egomanie. Die Menschen sind viel weniger damit beschäftigt, für sich selbst das Beste zu wollen, wenn es ihrer Community nichts bringt. Die Verbundenheit in der Familie oder der Dorfgemeinschaft hat mich diesbezüglich sehr beeindruckt. Für die Marokkaner ist unsere Welt sehr kalt. Jeder kümmert sich um sich selbst, und dass bei uns die Familie eine in Auflösung begriffene Institution ist, finden sie erschreckend. Mich fasziniert das Gefühl für Geborgenheit, Zusammengehörigkeit und Verantwortung füreinander. Man kann das daran beobachten, wie die Menschen körperlich aneinander hängen und sich nah sind. Dagegen wirken wir wie verklemmte Klötze.

Im Film sagt der Vater zu seinem Sohn: „Die Phantasie ist spannender als die Realität.“ Was meinen Sie dazu?
In der Figur des Heinrich steckt ziemlich viel von meinem Lebensgefährten Dominik Graf. Das Zitat stammt zum Beispiel von ihm. Ich bin das Gegenmodell dazu. Aber das ist keine Bewertung. Das Beste ist immer die Kombination. Nur in der Literatur zu versinken, würde ich allerdings nicht wollen, denn dann bräuchte ich das Haus ja gar nicht mehr zu verlassen.

Wird der Vater eigentlich zukünftig mehr Zeit haben für seinen Sohn?
Nein, er wird wahrscheinlich die gleichen Fehler mit seiner zweiten Familie machen wie mit seiner ersten, denn wir können uns alle ja gar nicht wirklich verändern. Wenn es allerdings einmal ein Bewusstsein dafür gibt, dann ist auf beiden Seiten ein gewisses Verzeihen und Akzeptieren möglich. Manchmal braucht es bloß diese Einsicht. Schließlich sehnt man sich immer nach Versöhnung, auch wenn man den anderen schrecklicherweise nicht verändern kann.

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