„Ich muss Geschichten erzählen“

von Ricardo Brunn


Ein Gespräch mit Axel Ranisch an der Abendkasse der Deutschen Oper über seinen Abschlussfilm „Dicke Mädchen“, seinen amüsanten wie provokanten Text „Sehr gutes Manifest“ und die Schwierigkeiten als Neuling in der Branche Fuß zu fassen.

Ricardo Brunn: Axel, was siehst du dir heute Abend an?
Axel Ranisch: „Carmen“.

Georges Bizet. Vier Akte.
Genau. Verteilt über drei Stunden. (lacht)

Schön.
Ja, ich freu mich.

Morgen gehst du mit deinem Debütfilm „Dicke Mädchen“, der gerade einmal 500 Euro in der Produktion gekostet hat, auf Kinotour. Der Film wird in 25 Städten starten. Das ist für ein Werk dieser Größe recht ungewöhnlich. Bist du aufgeregt?
Gestern hatten wir zum Beispiel im „International“ eine Vorführung, da war ich extrem aufgeregt – schrecklich. Vor einer Woche haben wir den Film im Seniorenheim gezeigt – da ging’s.

Zählen die Zuschauer im Seniorenheim denn für die Referenzfilmförderung mit, für die ja eine bestimmte Zuschauerzahl erreicht werden muss?
Weiß ich gar nicht? (lacht) Aber wenn am Ende 100 Zuschauer fehlen sollten, dann zählen die natürlich mit.

Hat dein ehemaliger HFF-Lehrer Rosa von Praunheim den Film auch schon gesehen?
Ja, der fand ihn scheiße. Fantasielos und langweilig. Und er hat gesagt, dass all meine Sachen, die ich vorher gemacht habe, besser waren.

Einige Ideen aus Kurzfilmen von dir fließen ja in „Dicke Mädchen“ mit ein. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Bolero mit Taschentuch. Aber insgesamt war ihm der Film dann doch nicht schräg genug?
Ja. Er wollte unbedingt, dass Mutti wieder aufersteht und solche Sachen.

Du hast den Film ausschließlich mit einer Mini-DV-Kamera, deiner Oma und zwei befreundeten Schauspielern gedreht. War der Verzicht auf ein größeres Produktionsumfeld und dementsprechenden Aufwand eine bewusste Entscheidung oder aus der Not geboren?
Das ist eine Mischung aus beidem. Ich brauchte einfach einen Abschlussfilm. Außerdem hatte ich große Lust wieder zu drehen, weil ich in den drei Jahren zuvor nur am Drehbuch zu „10 Meter“ geschrieben habe…

Der ursprünglich dein Abschlussfilm werden sollte?
Ja, genau. Und ich kam mir schon total bekloppt vor als Regisseur keinen Film mehr zu drehen. Und deswegen haben wir dann einfach „Dicke Mädchen“ gemacht – so ziemlich ohne Vorsatz. Es gibt ja zwei Philosophien, einen Film zu machen. Entweder kannst du dir ganz lange etwas ausdenken und viel Geld investieren, aufwändig Schauspieler casten, die Drehorte suchen und alles sehr genau gestalten. Oder du machst es so: Drei Schauspieler, Kamera, Wohnung, zwei Seiten Manuskript. Und dann ist aus dem, was wir hatten, „Dicke Mädchen“ entstanden. Wir wollten keinen Aufwand und wir wollten keine Kompromisse. Ich wollte die Kamera machen und die einzige Kamera mit der ich umgehen konnte, war meine eigene. Und so haben wir die Not zum stilistischen Mittel erklärt. Und dann hat sich das doch als sehr rund herausgestellt mit diesem Homevideo-Look und dem 4:3-Format. Aber ich überleg schon manchmal, ob es schöner wäre, wenn der Film besser ausschauen würde; wenn ich den Lichtkoffer doch noch ausgepackt hätte.

Umgehst du mit dieser Herangehensweise auch die Möglichkeit, die Motivation für das eigene Erzählen zu verlieren? Wenn man drei oder fünf Jahre an einem Drehbuch sitzt, kann ich mir vorstellen, dass man irgendwann den Kontakt zu seinem Projekt verliert.
Ja. Irgendwann nach elf Drehbuchfassungen hatte ich die Schnauze voll von „10 Meter“ und die Lust an diesem Film habe ich erst wieder gewonnen, nachdem ich mit „Dicke Mädchen“ einfach losgelegte und auch für mich einen Weg fand, wie ich Filme gern machen möchte. Für „10 Meter“ hatte ich jetzt 500.000 Euro und wenn es beim nächsten Film nicht klappt, dann mach ich’s halt ohne das Geld. Denn wenn man dringend Filme machen will, es gibt ja unterschiedliche Motivationen, aber wenn man sich ausprobieren will, experimentieren will, Spaß haben will, dann versteh ich auch nicht, warum man so lange warten soll. Ich bin nicht so geduldig. Ich bin aber auch kein Perfektionist, kein visueller Typ. Das Problem bei mir ist einfach, dass ich immer erzählen muss. Ich muss Geschichten erzählen.

Zum Film gibt es einen Begleittext, der mich interessiert, das „Sehr gutes Manifest“. Worum geht es darin?
Also, erst mal ist das ein sehr persönliches Manifest, das keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit stellt. Ich will niemandem vorschreiben, wie er Filme zu machen hat. Aber es soll eine Anregung für Absolventen und junge Filmemacher sein, die ihren ersten großen Film machen wollen und dass der ja nicht zwingend diesen ganzen bürokratischen Apparat braucht. Wir haben uns nach „Dicke Mädchen“ hingesetzt und haben formuliert, unter welchen Bedingungen wir am liebsten arbeiten. Und diese Bedingungen stehen grundsätzlich den Bedingungen, wie normalerweise Filme in Deutschland gemacht werden, diametral entgegen. Insofern geht es schon um ein autorenfreundlicheres und mutigeres Filmemachen und wie man es fördern sollte. Denn wenn du heute einen Film drehen möchtest, der eine halbe Million Euro Budget haben soll, und du willst die Sender dabei haben und die Förderanstalten, dann musst du Kompromisse eingehen. Du musst dich mit den Leuten an den Tisch setzen und die wollen alle mitreden für ihr Geld. Das ist ganz logisch. Und gerade am Anfang, wenn man noch keine Erfahrung besitzt oder die Selbstsicherheit, zu seinen Ideen zu stehen, kann man sich ganz leicht reinquatschen lassen. Das ist aber nicht nötig. Denn beim ersten Film hast du noch so eine Art Welpenschutz, da kannst du auch Mist bauen. Da kannst du die Schauspieler ausbeuten und dich selber und deine Freunde usw. Das geht beim ersten Film, da kann man das noch verzeihen. Und das ist auch das Schöne an „Dicke Mädchen“. Der Film ist zu 100% Axel Ranisch. Der trägt meine Handschrift. Und mit dieser Visitenkarte kann ich meine künstlerische Vision empfehlen. Und das hat mir so viele Türen geöffnet. Deswegen ist so ein Manifest vor allem ein Ansporn, zu den Leuten zu sagen: Schaut doch erst einmal, was ihr erzählen wollt und macht das einfach. Denn es geht ja.

Ich hatte auch den Eindruck, dass es im Text sehr stark um die Bedingungen, unter denen filmisches Erzählen entstehen kann und soll, geht. Da ist dieser entscheidende Satz: „Redakteure, Produzenten und Förderer dürfen und sollten sehr gutes Geld geben.“ Inhaltlich jedoch …
Genau. Sie sollen nicht bevormunden. Konstruktive Mitsprache ist etwas Tolles, aber Bevormundung ist ein Problem. In dem Moment, wo ein Sender oder ein Produzent sagt, wir müssen den Schauspieler nehmen, weil sich dann der Film besser verkaufen lässt und mehr Zuschauer macht oder wenn die Liebesgeschichte im Vordergrund stehen soll, damit der Zuschauer sich besser mit den Figuren identifizieren kann, da wird es wirklich problematisch.

Bei allem Humor, von dem der Text getragen wird, ist das „Sehr gute Manifest“ also die Beschreibung einer Fehlentwicklung und damit eine Kritik an den Institutionen, die Kino fördern und unterstützen sollen?
Da bin ich vielleicht der Falsche, denn ich bin leider nicht so richtig frustriert. <<TEXT:KURSIV>>(lacht)<<>> Ich habe jetzt mit „10 Meter“ einen Film gemacht, der Fördergelder hatte und einen Sender und trotzdem wieder so ziemlich 100% Axel Ranisch geworden ist. Und deswegen bin ich gerade sehr glücklich, auch wenn der Weg dorthin ein langer war und auch wenn man jetzt sagen kann, er musste erst mal „Dicke Mädchen“ drehen, um die zu überzeugen. Aber es ist ja dann doch gelungen. Ich bin da auch einfach sehr dankbar. Ich glaube aber an das Erneuerungspotential des Systems.

Was sollte sich denn ändern?
Redakteure und Produzenten interessieren sich für junge Talente, weil sie deren Handschrift in ihren Kurzfilmen spannend finden und weil sie glauben, in jemandem ein Potential entdeckt zu haben, das sie gern fördern würden. In zweiter Instanz dann auch den Mut zu besitzen, den Filmemachern dieses Potential einfach einzugestehen, sie machen zu lassen und sie in ihrer Handschrift zu unterstützen, daran fehlt es dann wiederum.

Klingt nach einem Paradox. Man will jemanden fördern, das bedeutet, dass man Sachen zulässt. Mit der Unterstützung kommt aber gleichzeitig die Einschränkung, weil ein Film dem Sendekonzept oder dem Markt entsprechen muss.
Die Sender haben die Quote und sie sind ängstlich, dass die Zuschauer wegschalten. Das merke ich doch auch, wenn wir drehen und es dann heißt: In der und der Szene sind Unschärfen, das müssen wir noch mal drehen, sonst ruft der Zuschauer im Sender an und sagt: ‚Das ist unscharf, das kann ich besser.’ Dass es zu meiner Arbeitsweise gehört, dass die Kamera beim improvisierten Schauspiel reagieren muss, es dabei zu Unschärfen kommt und dass ich die auch sehr willkommen heiße, spielt keine Rolle. Für mich ist so etwas völlig absurd und ich spüre dann wieder, was für ein bürokratischer Apparat so ein Sender ist. Da wird als Begründung auch schon einmal gesagt: ‚Hmm, da ist der Techniker, der den Film abnimmt, der wird das sehen und der wird sagen, das geht nicht.’ Und dann schicken sie uns den Film zurück und nehmen ihn nicht ab.

Das ist ein schönes Beispiel für die Paranoia in diesen Anstalten einerseits. Auf der anderen Seite geht es neben der Bevormundung junger Regisseure demnach auch um die Bevormundung des Zuschauers, wenn ihm unterstellt wird, er hätte Angst vor Unschärfen.
Es wird dem Publikum nicht selbst überlassen, was es gerne sehen möchte. Wir haben zum Beispiel auch vier Jahre lang die Diskussion geführt, ob bei „10 Meter“ nicht Axel Prahl die Hauptrolle spielen sollte, statt Heiko Pinkowski. Schließlich habe ich „Dicke Mädchen“ gedreht und sie konnten sehen, wie toll Heiko ist, erst dann haben sie mir vertraut. Und auf diese Art entstehen in der deutschen Filmlandschaft ganz viele Filme gar nicht, weil die Sender beteiligt sind.

Kannst du das genauer erklären?
Ich meine damit, dass du sofort eine bestimmte Zensur im Kopf hast. Jetzt haben wir zum Beispiel bei „10 Meter“ eine Forelle aus einem Zuchtteich getötet, aber das können wir nicht zeigen, weil dann wieder vermutet wird, dass der Zuschauer anruft und sagt: ‚Da wird ne Forelle getötet.’ Und so können bestimmte Filme halt gar nicht entstehen. Ich rede dabei noch nicht einmal von pornografischen Szenen und Gewaltexzessen oder ähnlichen Sachen.

Du hast „10 Meter“ am Ende so drehen können, wie du wolltest, weil „Dicke Mädchen“ den Sender überzeugt hat. Könnte man sagen, dass die vorhin angesprochene Erneuerung nur darüber funktionieren kann, dass man, wie es Dominik Graf einmal formulierte, es den Sendern unterjubelt?
Ja. Man muss hintenrum überzeugen und geduldig sein. Und es ist immer möglich, dass man Rückschläge erleidet und seinen 500-Euro-Film machen muss, aber man muss geduldig und freundlich bleiben. Natürlich geht es auch darum, dass die Verantwortlichen am Ende begriffen haben, dass ich Recht habe(lacht), aber auf eine sehr freundliche und humorvolle Weise. Man muss und will ja zusammenarbeiten.

Der Film „10 Meter“ trägt mittlerweile den Titel „Ich fühl mich Disco“ und befindet sich derzeit in der Postproduktion. Das Interview führte Ricardo Brunn am 6. November 2012 in Berlin.

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