„Der europäische Film ist online nicht sichtbar“

von Ricardo Brunn


Ricardo Brunn führte ein Telefoninterview mit Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH und Vorstandsvorsitzender der AG Kino, zur Entscheidung, „The Lobster“ ohne Filmverleih in die deutschen Kinos zu bringen, über sich wandelnde Verwertungsketten und die Sichtbarkeit von Filmen im digitalen Zeitalter.

Ricardo Brunn: „The Lobster“ wurde bereits vor zwei Monaten auf DVD veröffentlicht. Der Film ist hochkarätig besetzt, hat in Cannes einen Preis gewonnen und es hierzulande trotzdem nicht ins Kino geschafft. Jetzt bringen Sie den Film nachträglich auf eigene Faust heraus. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Christian Bräuer: Ich habe den Film in Cannes gesehen und für mich war sehr schnell klar, dass es einer der besten des Festivals war. Da sicher war, dass er ins Kino kommen würde, habe ich erst einmal abgewartet. Aber er kam nicht. Mich haben dann Leute angerufen und meine Kollegen und ich mussten sie beruhigen. Wir haben denen gesagt, dass der Film sicher noch kommen würde. Dann ist er auf DVD erschienen und wir waren schon ein wenig verblüfft. „The Lobster“ ist ein einzigartiger, ein besonderer Film. Und wie viele Filme dieser Art gibt es denn im Jahr? Wir haben uns deshalb dazu entschlossen das zu probieren und ihn selbst herauszubringen. Das ist natürlich ein Risiko, aber ich hoffe da behalten wir auch wirtschaftlich Recht. Wir sind jedenfalls sehr gespannt und bekommen derzeit viele Dankesmails von unserem Publikum zu dieser Entscheidung.

Das heißt, Sie haben die Position des Filmverleihs übernommen?
Nein, wir sind kein Filmverleih. Die Rechte liegen bei Park Circus. Wir haben die Kollegen dort kontaktiert und die Bedingungen ausgehandelt. Da wir das Marketing und damit das gesamte Risiko selbst tragen müssen, wollten wir den Film in den Städten, in denen wir Kinos haben, exklusiv bringen. Prompt haben dann viele Kinos in anderen Städten gesagt, dass sie diesem Beispiel folgen wollen, was uns in unserer Entscheidung bestärkt. Ich sehe das einfach so, dass wir Kinos die Chancen der Digitalisierung an dieser Stelle nutzen müssen. Kinos haben ja immer schon viele Angebote neben dem regulären Programm gehabt. Und wenn ein Film eben nicht über den Verleih in die Kinos kommt, können wir das in solchen Einzelfällen ausprobieren.

Man könnte den Eindruck gewinnen, diese Einzelfälle häufen sich. „Under The Skin“ (R: Jonathan Glazer) ist nur nach Engagement des Zebra-Kino e. V. sowie medialer Aufmerksamkeit in den Kinos gestartet, „Son of Saul“ (R: László Nemes) nur dank des Oscars. „99 Homes“ von Ramin Bahrani war auf keiner Leinwand zu sehen. Schafft es das Uneindeutige, was sich schwer vermarkten lässt oder schwierige Themen behandelt zunehmend nicht mehr ohne die Initiative Einzelner in die Kinos?
Das ist deutlich zu pauschal. Gewisse Filme haben sich schon immer schwer getan. Und die genannten mögen vielleicht herausfordernd sein, etwas bieten, was wir vielleicht nicht gewohnt sind, worauf wir uns einlassen müssen, aber das ist doch das Tolle an der Kunst. Im Einzelfall wird man immer streiten, warum dieser Film, dafür aber jener nicht ins Kino kommt. Das ist in der Filmförderung nicht anders. Warum wird Film A gefördert und Film B nicht? Das ist bei Kunst so, man streitet sich. Im Filmverleih kommen dann natürlich noch Fragen zum wirtschaftlichen Potential und den Risiken hinzu. Rein formal gesehen ist der Weg ins Kino ja sogar leichter geworden. Es starten heute doppelt so viele Filme wie vor zehn Jahren. Allerdings ist es wiederum auch so, dass das zu wechselseitiger Kannibalisierung führt. Es stellt sich dann die Frage, wie man für einzelne Filme Aufmerksamkeit generieren kann. Ich glaube, je mehr Filme kommen, umso mehr gewinnt dann das Kuratieren an Bedeutung.

Ist der „nachträgliche“ Kinostart von „The Lobster“ demnach eine Art Testlauf für andere Herausbringungsstrategien oder eine veränderte Verwertungskette als Reaktion auf die Digitalisierung und den VoD-Markt?
Die Kinos waren immer aktiv, hatten immer spezielle Kulturprogramme, Festivals und Filmreihen und klar bietet uns die Digitalisierung neue Wege und Möglichkeiten. Für mich ist es unverändert auch wichtig auf Filme zu setzen. Wir müssen den Perlen möglichst zum Erfolg verhelfen, aber auch eine Nische bedienen, die vielleicht nicht so viele anspricht. Wichtig ist: Wir brauchen gute Verleiharbeit und gutes Marketing, sonst – und das ist halt tragisch – scheitern gute Filme, obwohl man weiß, wenn sie gut vermarket werden, hätten sie eine Chance. Die Kinos können diese Arbeit nicht leisten. Das ist ja die Leistung des Verleihs, genau auf diese Punkte spezialisiert zu sein. Das heißt aber auch nicht, dass wir uns selber beschneiden müssten. Alle Kinos wissen, es kommen mehr und mehr Filme. Und die wenigsten sagen, wir brauchen noch mehr Filme. Es ist auf der anderen Seite gerade in der Vielfalt entscheidend, sich die Perlen zu suchen. Das sehe ich als unsere Pflicht bzw. unsere Leidenschaft. Und wenn diese Perlen dann eben im Ausnahmefall über andere Wege kommen, sei es das Festival oder die Filmreihe, und in einzelnen Vorstellungen gezeigt werden, dann ist das eben eine Möglichkeit.

Die genannten Filme sind in vielen Ländern Europas regulär ins Kino gekommen. Sind Schwierigkeiten in der Herausbringung eines künstlerischen Filmes ein spezifisch deutsches Problem?
Im Gegenteil, wir haben in Deutschland eine sehr lebendige Arthaus-Szene auf allen Ebenen, also: Produktion, Verleih und Kino, die nur noch in Frankreich stärker ist. Wir jammern jetzt über diese Filme. In anderen Ländern starten erheblich weniger Filme oder viel später und nur in ausgewählten Kinos. England ist beispielsweise komplett auf Amerika fokussiert. Da gibt es viele kleine Filme nur noch in ausgewählten Vorstellungen. Was man aus meiner Sicht immer nicht sieht, ist, wie fragil das Ganze eigentlich ist. Die Gefahr ist, dass die Vielfalt schwindet und es einseitiger wird. Hollywood hat global angelegte Marketingstrategien. Große nationale Blockbuster schaffen das hierzulande auch noch. Die werden einfach ins Kino gepusht. Ich will das prinzipiell auch gar nicht verteufeln. Das ist einfach nur das reale Umfeld, dem man sich stellen muss. Und der Videomarkt ist online noch viel stärker von Global Playern dominiert als er das bislang war. Die Ausrichtung am Mainstream wird noch viel stärker werden als das bisher der Fall ist. Und globaler Mainstream ist nicht der deutsche, der französische oder der rumänische Film.

Hat der künstlerische Film in den Portfolios der VoD-Riesen keinen Platz?
Zumindest steht er nicht in deren Fokus. Die haben jetzt Prestigeprojekte in Frankreich und Deutschland, um sich einen Markt zu erschließen. Wenn man dieses Geschäft wirtschaftlich betreibt, muss man Risiko minimieren. Risikominimierung war schon immer Sache des Mainstreams und nicht irgendeiner Kunstnische. Die Unterhaltungsindustrie wurde die letzten Jahre immer von Amerika dominiert. Es geht den Unternehmen um globale Strategien und Kunst ist da ein Risiko. Diese Filme wird man sicher hier und da zwecks Imagegründen haben. Das ist jetzt auch kein Vorwurf, das ist nun mal deren Geschäftsmodell, aber es muss einem als Konsument einfach klar sein. Und entsprechend ist das ein wichtiges Thema in der ganzen Debatte um Digitalisierung: Wie wird der europäische Film online ein Erfolg, weil er da derzeit einfach nicht sichtbar ist.

Ist die Herabsetzung oder Abschaffung der Sperrfristen, wie sie derzeit zum Beispiel von Martin Hagemann in die Diskussionen um die Novellierung des Filmfördergesetzes eingebracht wird, eine sinnvolle Reaktion auf die Herausforderungen durch die Großprojekte der US-Studios und VoD-Anbieter?
Mit allem Nachdruck: Kinos brauchen den Schutz der Sperrfristen. Wir brauchen das exklusive Produkt. Das geht ansonsten zu Lasten der kleinen Kinos. Wir kämpfen da ganz massive als AG Kino. Schauen Sie sich einmal eine typische Startwoche eines Blockbusters an: Am Anfang sind es vorrangig die Multiplexe, die den Umsatz haben. Da läuft dann auf 8 von 12 Leinwänden der neue Bond. Ist das Vielfalt? Nein. Ist das Erfolg? Ja. Der kleine deutsche Film muss sich erst herumsprechen. Die Filmkunstkinos haben oft nur ein oder zwei Leinwände. Da braucht es Zeit. Indem ich die Sperrfristen kürze, schwäche ich die Vielfalt. Da verstehe ich Martin Hagemann nicht. Er schadet den Filmen, denen er helfen will. Er möchte befreit sein von einer Kinoauswertung in der Hoffnung bei Video-on-demand kleine Umsätze zu generieren. Aber eins ist klar, VoD ist noch stärker am Mainstream orientiert als das Kino derzeit. Im Kino haben deutsche Filme beispielsweise einen Marktanteil von 25%, im Videomarkt 10%. Und der Dokumentarfilm geht vollkommen unter. Die großen Player wollen so früh wie möglich an das Produkt ran, was aus deren Blickwinkel natürlich verständlich ist, aber das schadet den Kinos. Wirtschaftlich ist das nachvollziehbar, aber ist das kulturelle Vielfalt oder gar das kulturelle Experiment? Ganz sicher nicht.

Wenn Filme also schneller wieder aus den Kinos verschwinden, weil der Rechteinhaber andere Auswertungsstufen angehen möchte, würden noch mehr Filme in noch kürzeren Abständen in die Kinos kommen?
Das ist genau das, was passiert. Und für all diese Filme bleibt noch weniger Zeit. Die wechselseitige Kannibalisierung nimmt zu und am Ende, man sieht das ja jetzt schon, haben die Top-10-Filme einen hohen Marktanteil und alle anderen Filme teilen sich den Rest. Auf der anderen Seite wird sich der Kampf um die Budgets hin zu den großen VoD-Anbietern verschieben. Netflix hat gerade einen Antrag beim DFFF gestellt. Die wollen an den Kinofördertopf und behaupten, sie würden einen Film mit Day-and-Date-Release-Strategie ins Kino bringen. Aber sind wir mal ehrlich: Die wollen doch gar nicht ins Kino. Und die machen auch keinen kleinen Arthouse-Film oder Dokumentarfilm. Die wollen einen Markt erschließen. Also sage ich ganz klar: Dem einzelnen Film, der sich nicht durchgesetzt hat, schadet eine kürzere Sperrfrist sicher nicht. Aber in der Masse ist das eine strukturelle Frage. Deswegen sind die Kinobetreiber alle extrem besorgt. Die kriegen ja die Filme zum Teil erst ab der sechsten Woche, nachdem sie in größeren Städten oder Kinos gelaufen sind. Wenn die Leute aber wissen, dass es den Film bereits nach wenigen Wochen online gibt, geht keiner mehr in diese Kinos. Exklusivität ist da für mich sehr wertvoll. Alles, was immer und überall verfügbar ist, verliert an Wert.

Ich habe Anfang des Jahres „Alles andere zeigt die Zeit“ von Andreas Voigt nur durch Zufall im Kino gesehen. Der Film lief fast ausschließlich in Sondervorführungen, war nach knapp zwei Wochen wieder von der Bildfläche verschwunden. Die Sperrfrist hat diesem Film nicht gerade zum Erfolg verholfen.
Ohne die Sperrfrist hätten Sie vielleicht nicht mal einen Kinobetreiber, der diesen Film gezeigt hätte. Der Film hatte auch kaum ein Marketingbudget. Natürlich müssen wir schauen, wie wir für die guten Filme eine angemessene Auswertung bekommen. Das ist dann unsere Aufgabe, bei Filmen, von denen wir überzeugt sind wie jetzt eben bei „The Lobster“, zu schauen, wie das Publikum zu finden ist und wie der Film dann auf allen Ebenen Erfolg haben kann. Wie schaffen wir es, dass die Leute mitkriegen, dass der Film im Kino oder bei Video-On-Demand läuft? Ich will ja auch, dass VoD ein Erfolg wird, verstehen Sie mich da nicht falsch. Es geht darum, wie man vom Kino auf DVD und Onlineplattformen überleiten kann. Das ist aus meiner Sicht die zentrale Frage. Und ohne Kinostart, da stimmen mir auch die Kollegen aus dem Videosegment zu, gibt es keine Sichtbarkeit. Aber wir wissen auch, echte Filmkultur bleibt eine Nische. Das war schon immer so.

Wie könnte ein Lösungsansatz aussehen?
Schauen Sie, bei den meisten Filmförderungen stehen Produktion und Standort im Vordergrund. Und im Zweifel fördert man Dinge, von denen man nicht ganz überzeugt ist, Hauptsache es wird produziert. Und dann verlässt man sich weitestgehend darauf, dass das Produzierte gesehen wird. Wenn man jedoch einen Stoff fördert, von dem man will, dass er später auch gesehen wird, dann muss man das auch entsprechend unterstützen. Wenn also das BKM die kulturelle Filmförderung stärken will und Wagemut fördern möchte, finde ich das toll. Aber wir müssen bedenken, dass das Ganze nur funktionieren wird, wenn man dem auch Herausbringungsbudgets an die Seite stellt. Da darf man nicht einseitig sein. Wenn nur die eine Seite wächst, steigt auch der Frust auf der anderen Seite, weil bestimmte Filme nicht ins Kino kommen oder untergehen. Das ist dann Erfolglosigkeit mit Ansage. Und da muss man jetzt sozusagen diese zweite Seite bedenken und neben den Filmverleihen auch die Kinos in der lokalen Marketingarbeit unterstützen. Gerade für den kleinen Film ohne große Marketingbudgets ist deren Arbeit von besonderer Bedeutung. Vielleicht muss man so weit gehen, dass die Kinos selbst Marketinganträge stellen können. Wir machen alle schon sehr viel Marketing. Selbst kleine Kinos haben oft schon jemanden, der die Presse für sie macht. Und unser Vorteil ist ja gerade, dass wir den Zuschauer direkt ansprechen können, im Gegensatz zu einem global agierenden Unternehmen. Das Unternehmen kann nur Daten von seinen Kunden sammeln. Wir kennen das Publikum, haben persönlichen Kontakt. Viele unterschätzen auch das Publikum. Die Menschen sind nach wie vor neugierig, die haben ein Gespür für Filme. Und wenn die Filmförderung will, dass diese Filme gesehen werden, sollte sie sich dahingehend stärker Gedanken machen. Wir sollten manchmal einfach mutiger sein, denn am Ende sind wir immer froh, wenn wir mutig gewesen sind. Meistens zumindest, wenn man nicht gerade enttäuscht wird. (lacht)

Nachtrag der Redaktion: Auf Facebook hat Martin Hagemann, der im Gespräch mit Dr. Christian Bräuer mehrfach erwähnt wird, auf das Interview reagiert. Sein Kommentar ist unter folgendem Link zu finden: https://www.facebook.com/martin.hagemann.564/posts/10153583165871651

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