Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York
von Nicolai Bühnemann

Am Anfang – Mitte der Nuller – Jahre wollte Matías Piñeiro, 1982 ín Buenos Aires geboren und an der dortigen Universidad del Cine ausgebildet, eigentlich einen Kurzfilm drehen. Bei der Arbeit dazu stellte er beim Noten machen mit einem befreundeten Filmemacher fest, dass seine Ideen genug Material für einen Langfilm boten. Aus Kostengründen auf 16mm und in Schwarz-weiß gedreht ist der Film, der so entstand, „El hombre robado“ (zu Deutsch: „Der gestohlene Mann“), einer jener Debütfilme, in denen das ganze folgende Werk, der ganze eigene Kosmos des Filmemachers, schon angelegt ist – ohne dass im Folgenden deshalb nur das ewig Gleiche wiederholt werden würde.

Das Kino Piñeros, so erfahren wir schon hier, ist ein Kino der Frauen, die sich wortgewandt, flinkzüngig und in breitem Argentinisch (Piñeiros Kino ist natürlich auch eines der Sprache) über ihre Studien und ihre Beziehungen austauschen, die Zigaretten rauchen und Erdbeeren essen. Es ist ein bibliophiles Kino, was sich schon in der Anlage des Films offenbart, der maßgeblich von Texten des argentinischen Autoren und Politikers Domingo Faustino Sarmiento beeinflusst ist und die Kapitel aus dessen „Campaña en el ejercito grande“ („Feldzug in der großen Armee“), als Zwischentitel nutzt und sich darin fortsetzt, dass die Figuren oftmals mit Büchern hantieren, in Buchhandlungen stöbern, Texte auswendig lernen und rezitieren, ja, an einer Stelle sich sogar Inspirationen für einen Brief, um eine Beziehung zu beenden bei Sarmiento holen, was ein gutes Beispiel dafür ist, wie sich Kunst und Leben hier durchdringen. Es ist ein Kino der Irrungen und Wirrungen in dicht geknüpften Beziehungsgeflechten, in denen die Monogamie eigentlich kaum noch eine Rolle spielt.

Mit Piñeiro lernen wir in „El hombre robado“ auch ein maßgeblich aus FreundInnen bestehendes Team kennen, das uns in seinem weiteren Werk immer wieder begegnen wird: die Schauspielerinnen María Villar, Julia Martínez Rubio oder Romina Paula, der Kameramann Fernando Lockett, der erstere oft nah an ihren Gesichtern filmt und damit die Nähe des Films zu den Protagonistinnen, aber auch deren ganz eigene Schönheit unterstreicht.

In dem Folgefilm „Todos mienten“ von 2009 ist der Titel Programm: Alle lügen. Nicht nur alle Figuren, sondern etwa auch die Zwischentitel, die den Film in kurze Kapitel unterteilen, und irgendwann in der Mitte mit Shakespeare verkünden: „Ende gut, alles gut“. Das nimmt bizarre Formen an, wenn Villar eine Schockstarre über eine lange Zeit vortäuscht (aus der sie wie im Märchen nur ein besonders leidenschaftlicher Kuss erwecken kann), ein spanischer Akzent fingiert wird oder Bilder von einer Person gemalt, aber einer anderen signiert werden, wobei der Zwischentitel in dieser Sequenz auf Orson Welles „F for Fake“ anspielt: „F como verdadero“ („f wie wahrhaftig“). Piñeiro schaltet sich mit seiner Reflexion über Wahrheit und Lüge, mannigfache Täuschungen und Fälschungen in einen Dikurs über die Wahrheit der Filmbilder ein, der genauso alt wie der Film selbst ist, und seine Extreme findet in den polemischen Zuspitzungen von Godard, der behauptete, dass Film Wahrheit 24 mal in der Sekunde sei bzw. De Palma, der dem entgegenhielt, dass die Kamera 24 mal in der Sekunde lüge. Das Konzept der Wahrheit selbst wird durch eine Welt, in der alle SchauspielerInnen sind, Rollen spielen und dabei manchmal empfindlich übertreiben, overacten, auf eine harte Probe gestellt und gerade dadurch entwickelt Piñeiro etwas, das im Kino selten geworden ist: Wahrhaftigkeit.

2010 begann der Filmemacher mit „Rosalinda“ ein Projekt, das sich bis in die Gegenwart zieht, über nunmehr vier Filme, denen noch einige weitere folgen sollen, und die sich lose an Komödien von Shakespeare anlehnen. Schon der Titel des vierzigminütigen Films, der noch näher an „As you like it“ ist als seine Nachfolger an den jeweils zugrundeliegenden Texten, was sich schon darin zeigt, dass große Dialogpassagen des Werkes und in Teilen auch dessen Handlung übernommen werden, bezeugt, dass Piñeiros Interesse vor allem den Frauenfiguren des viktorianischen Dramatikers gilt.
Schon in dieser in der ersten Hälfte „treuesten“ Adaption wird die Illusion mannigfaltig gebrochen, dadurch, dass die Figuren etwa direkt aus dem Text vorlesen, ihn teilweise auch nicht auswendig können und sich verhaspeln. Die folgenden drei Filme, „Viola“ (2012), „La princesa de Francia“ („Die Prinzessin von Frankreich“, 2014), sowie der bislang letzte „Hermia & Helena“ (2016) lassen sich noch mehr Freiheit im Umgang mit den Texten, stellen diese noch weiter aus, indem sie die ProtagonistInnen, eifrig Kunst- und Kulturschaffende in den Mittzwanzigern bis Mittdreißigern, direkt mit den Stücken arbeiten lassen, an die ihre Figuren angelehnt sind: In „La princesa de Francia“ geht es um eine Radioadaption von „Love’s Labour’s Lost“, in „Hermia & Helena“ arbeitet die Protagonistin an einer Übersetzung von „A Midsummer Night’s Dream“ ins Spanische. Das spiegelt auch die Bilingualität des Films, der der erste ist, den Piñeiro teilweise außerhalb von Buenos Aires drehte, nämlich in New York, wo er seit 2011 auch lebt.

In „La princesa de Francia“ steht im Mittelpunkt des verworrenen Beziehungsgeflechts, das hier schon durch die wie in einem Theaterstück zu Beginn eingeblendete Auflistung der Dramatis Personae unterstrichen wird, ein Mann. Víctor steht zwischen „Freundin, Ex-Freundin, Geliebter, seiner besten und der vielleicht zukünftigen Freundin“ (Arsenal-Programmheft). Das zeigt, dass Piñeiro sich nicht wiederholt, wohl aber die Wiederholung und Variation zum Stilprinzip erhebt, das vielen seiner Filme schon durch das Auswendiglernen von Texten buchstäblich eingeschrieben ist.

In Deutschland blieb der Filmemacher, dessen Werke immerhin unter anderem schon auf den Festivals von Lorcano und Toronto liefen, bislang relativ unbeachtet, lediglich „Viola“ wurde im Forum der Berlinale gezeigt. Da ist es schön, dass das Arsenal nun durch eine Retrospektive die Möglichkeit gab alle seine Filme, die ja so vielfach miteinander verzahnt sind und zueinander in Kommunikation stehen, auf der großen Leinwand zu sehen, noch dazu am ersten Wochenende in Anwesenheit des sehr gesprächigen Filmemachers, mit dem die Werke ausführlich diskutiert werden konnten.

Die von Lockett mit viel Gespür für kleine Details fotografierten und von Piñeiro mit eben so viel Gespür für ein Millieu, das dem seinigen sicherlich nicht unähnlich ist, geschrieben und inszenierten Filme lassen Realität und Illusion, Kunst und Leben, Liebe und Begehren immer neue Allianzen und Zerwürfnisse eingehen, und sind damit ohne sich jemals irgendeinem Realismus zu verschreiben verdammt dicht am Leben, denn: „All the world’s a stage, and all the men and women merely players“.

Foto: © The New York Times

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