Christian Keßler: Wurmparade auf dem Zombiehof

Er mag Müll
von Sven Jachmann

Trashfilme auszulachen, ist nicht Christian Keßlers Ding. Bereits mit dem Begriff beginnen die Probleme: „Einen Film als Müll zu bezeichnen, und sei es auch englischer Müll, ist eine Abwertung, eine Beleidigung.“ Weshalb Keßler alles herzlichst umarmt, was Mut zeigt, Ambitionen versprüht und sich von kreativen oder produktionsökonomischen Fehlern nicht beirren lässt, manchmal aber trotzdem scheitert, jedenfalls nach den Maßstäben der Illusionstechniken desinfizierter Hollywood-Unterhaltung. Mutig kann es schließlich auch sein, beispielsweise im Zuge der Siebziger-Tierhorrorwelle einen ernsthaften Schocker über flauschige Killerkaninchen („Night of the Lepus“) zu drehen, während alle anderen in der Klasse auf gestandene Ekelgaranten aus der Insekten- und Amphibienwelt setzen.

Wenn Keßler lacht, dann nicht aus Hohn darüber, dass ein Filmteam seine Fähigkeiten überschätzt hat, sondern weil man ohne den Esprit irrsinniger Ideen schnell vergessen kann, was die Welt im Guten überhaupt noch zusammenhält. Sein Herz schlägt für die Poesie der Schwäche und des Unvollkommenen, einerlei wie rüde und bizarr sie manchmal dargeboten sein mag. Folglich weiß er weder vergangenen („Angriff der Killertomaten“) noch heutigen (von „Sharknado“ oder Filmen mit Troma-Entertainment-Charme keine Spur) Versuchen, Trash als Masche zu verkaufen, irgend etwas abzugewinnen. „Im Grunde sind sie Kommerzprodukte, die echte Subversivität nur simulieren. Sie sind wie politisches Kabarett bei öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern. Sie sind wie Bier ohne Alkohol.“ Denn: „Im Idealfall funktionieren die Filme auch ohne ihre gleichzeitige Abwertung.“

Und dann geht’s in medias res: 40 Filme, eingeteilt in zehn Themenblöcke wie Bauernfilme, Beklopptenfilme, Kirchenfilme oder Penisfilme. Der Reiseleiter lässt nichts, sondern tobt sich aus. Das Buch bündelt Artikel, die ebenfalls in der seligen „Splatting Image“ – Keßlers einstige Hausgazette, die im Dezember 2012 nach 92 Ausgaben leider aufgegeben hat – hätten erscheinen können.

„Wurmparade auf dem Zombiehof“ ist das filmjournalistische Pendant zu einer guten Party: Man säuft mit alten Bekannten – Frank Henenlotter („Basket Case“), Ed Wood („Glen or Glenda“), Wenzel Storch („Der Glanz dieser Tage“), John Waters („Pink Flamingos“) -, freut sich über kuriose neue Gesichter, die den Abend mit wirren Vorschlägen am Laufen halten – Nathan Schiff („They don’t Cut the Grass anymore“), Brad Grinter („Blood Freak“) -, und klebt dem testosteronvernebelten Nazi-Nachbarn süße Katzenspuckies auf den Briefkasten (John Waynes „The Green Berets“).

Über all den lehrreichen, lustigen, stets wichtigen und leidenschaftlichen Bergungsarbeiten, die Keßler da leistet, schwebt jedoch auch ein wenig Melancholie. Einerseits erinnert ein solches Buch immer daran, wie sehr Filmgeschichtsschreibung funkeln kann, wenn der Blick sich mal auf die wenig geschätzten und gleichwohl zahlenmäßig überlegenen Gestrandeten richtet. Andererseits stammt das Gros der behandelten Filme aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren, „Operation Dance Sensation“ hat als einziger überhaupt noch die 2000er Marke überschritten. Die Luft für Giftmischer, Eigenbrötler und gerissene Marktschreier scheint im gegenwärtigen Filmgeschäft erheblich dünner geworden zu sein.

Christian Keßler: Wurmparade auf dem Zombiehof. Vierzig Gründe, den Trashfilm zu lieben.
Martin Schmitz Verlag, Berlin 2014, 288 Seiten, 18,80 Euro

 

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