9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn


Alles auf Anfang

Silvi (D 2013, Regie: Nico Sommer)

Die seit einiger Zeit zu beobachtende Tendenz des jungen deutschen Filmes verstärkt auf Improvisationen und die Vermischung der Gattungen Spiel- und Dokumentarfilm zu setzten, lässt sich auch auf dem Festival für neues deutsches Kino aus Berlin „Achtung Berlin“ beobachten.

In Nico Sommers Beitrag „Silvi“, der bereits in der Perspektive Deutsches Kino seine Premiere feierte, wird die gleichnamige Protagonistin vollkommen aus dem Nichts in der ersten Filmminute vom Ehemann verlassen. In ihrer Überforderung muss sie einen Neuanfang wagen und lässt sich, von Ratlosigkeit gezeichnet, auf verschiedene Bekanntschaften ein, in denen die Männer immer irgendeinen Tick oder Fetisch haben. Es ist ein Sichtreibenlassen durch verschiedene sexuelle Spielarten auf der Suche nach einem neuen Partner und ein wenig Glück. Die Mischung aus Naivität und selbstverordneter Offenheit Silvis, die viel über ihre vor dem Film liegende Ehe erzählt und von Lina Wedel authentisch dargestellt wird, wird in den eingeflochtenen Interviews mit der Protagonistin zum Teil verstärkt oder einer lakonischen Brechung unterworfen. Trotz der bemerkenswerten Sicherheit, mit der sich Nico Sommer (Jahrgang 1983) des Themas und der Gefühlswelt seiner Hauptfigur annimmt, bleibt jedoch der Eindruck, dass die Hybridität in der Form ein wenig erzwungen ist. Ein ums andere Mal kommt die Frage auf, wie die Figurenzeichnung ohne die Interviews, die dem Film eine episodische Struktur verleihen, ausgesehen hätte.

Und nun mag Nico Sommers Film nicht das richtige Beispiel sein, doch nachdem das Licht im Kinosaal wieder an ist, bemerke ich, dass sich langsam ein Sättigungsgefühl gegenüber Filmen einstellt, die munter Dokumentar- mit Spielfilm vermischen und von improvisiertem Spiel leben.

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Aussteigerphantasien

Freiland (D 2013, Regie: Moritz Laube)

Weil der Widerstand gegen das Schweinesystem (in Gestalt einer Demonstration) nicht gelingen will und den Lehrer Niels Deboos neben seinem Job auch noch ein Auge kostet, beschließt der von nun an Augenklappe (!) tragende Revoluzzer kurzerhand einen eigenen Staat im schönen Brandenburg zu gründen. Einen, in dem es diese ganzen himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die seit dem schwarzen Herbst 2008 immer deutlicher zu Tage treten, nicht geben soll. Frei nach dem Motto: „Ohne mich!“, was allerdings nicht erst seit Stéphane Hessels beliebter Streitschrift „Empört euch!“ „das Schlimmste [ist], was man sich und der Welt antun kann.“

Radikal an Laubes Debütfilm, der passend zur erzählten Geschichte ohne Förderung und Senderbeteiligung auskommen musste, ist indessen die rigorose Unterwerfung des Grundgedankens unter einen ziemlich vorhersehbaren Plot: Ein Grundstück wird gekauft, um erste Bürger geworben. Doch nach und nach wird die Staatsführung für Deboos und seinen Kollegen Christian Darré (toll gespielt von Matthias Bundschuh) schwieriger. Es kommt zum Streit – natürlich auch um eine Frau. Geldreserven, Essensvorräte und Diesel für den Generator gehen zur Neige. Und noch bevor die neu gewonnenen Staatsangehörigen in der hausgemachten Krise aufbegehren können, wandelt sich Deboos vom Idealisten zum Tyrannen. Das trägt mal kommunistische, mal faschistische Züge. Der Demokratie wird in diesem Projekt jedoch von Anfang an eine klare Absage erteilt, was schon deshalb seltsam ist, weil es die frischen Staatsbürger kaum zu stören scheint, kein Mitspracherecht zu haben. Die Rolle der Frauen im Freiland als gebärfreudiges Humankapital bildet da nur ein weiteres merkwürdiges Extrem dieser (zart satirischen) Tragikomödie, in der zu viele (historische) Anspielungen gedankenlos miteinander vermengt werden.

Der Schnitt ist es, der all die kruden Gedanken und Ungereimtheiten in eine Form zu zwängen versucht. Das ist einerseits fabelhaft, weil es der hauchdünnen Logik des Filmes hilft. Andererseits entzieht sich der Film damit noch deutlicher jeder Nachhaltigkeit.

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The former king of West-Berlin

Dragan Wende (D 2013, Regie: Dragan von Petrovic, Lena Müller)

Früher war alles klarer. Den Amis gehörte die linke Arschbacke, den Russen die rechte. Dazwischen, das Arschloch, war das Reich von Dragan Wende, einem Kleinkriminellen und Möchtegern-Playboy im West-Berlin der 70er und 80er Jahre. Hier arbeitete der Sohn eines jugoslawischen Gastarbeiters als Barmann und Türsteher in so angesagten Discos wie dem „New Eden“ und räumte mit seinen Kollegen Dule und Zlatko entspannt das ein oder andere Geschäft leer, denn der jugoslawischer Pass ermöglichte ihnen die problemlose Ein- und Ausreise mit dem Diebesgut in den sozialistischen Teil der Stadt und damit die Flucht vor Verfolgern. Außerdem war man mit der starken D-Mark im Osten ein König. Dann kam die Wende. Und mit dem gleichzeitig einsetzenden Ende der Discotheken-Ära am Ku’damm endete auch Dragans Aufstieg. Heute wünscht sich der bankrotte Bordell-Türsteher nichts sehnlicher als den Wiederaufbau der Berliner Mauer.

Dragans Familie in Jugoslawien weiß jedoch kaum etwas über dessen Werdegang nach dem Fall der Mauer, weshalb sich Neffe Vuk mit der Kamera auf Spurensuche begibt, bei Dragan einzieht, ihn durch sein zwielichtiges Leben verfolgt und bald selbst als Türsteher eingespannt wird. Daneben gibt es unzählige zum Teil vollkommen absurde Anekdoten aus Dragans Leben zu sehen und zu hören, dass manchmal Zweifel aufkommen, ob das alles tatsächlich wahr sein kann. So hat Dragans Freund Dule (der schon mehrfach Millionär gewesen sein will, mit seiner Tochter aber in einer heruntergekommenen Wohnung lebt) angeblich mehr als 259 Millionen Britische Pfund auf einem Konto gepachtet, an das er nicht heran kommt, weil er sich nicht an die Kontonummer erinnern kann.

Aufgrund der Fülle an Figuren, Anekdoten und historischen Aufnahmen zur Teilung Deutschlands entwickelt der Film eine gewisse Trägheit in der Montage. Denn aus der gewählten Aneinanderreihung des Materials will sich keine stringente Geschichte entwickeln. Mit seiner behelfsmäßigen Aufteilung in Kapitel (die vom Versuch zeugt Herr der Bewegtbildmassen zu werden) stapelt der Film Thema über Thema und Figur über Figur, so dass am Ende ein knallbuntes Mosaik entsteht, aus dem sich beim Zurücktreten jedoch kein größeres Bild ergibt. Knapp zehn dramaturgische Berater im Abspann dieses Dokumentarfilmes lassen erahnen, warum Vieles im Chaos der Montage, der jedes Gespür für die Protagonisten fehlt, untergeht.

Zugunsten kurioser Situationen verweigert der Film einen unverstellten Blick auf Dragans offensichtliches Alkoholproblem und damit auf ein zentrales Thema seines Helden. Auch Vuks Schicksal bleibt inkonsequent erzählt. Er verkommt zum Stichwortgeber für eine grob gehäkelte Geschichte oder stachelt als eine Art Enforcer Dragan zu immer neuen Wutausbrüchen an. Andere Nebenfiguren wie Dragans Nachbarin Alexandra wollen sich überhaupt nicht ins Mosaik einfügen lassen.

Das ist sehr schade, denn hinter Dragans misanthropischem Gebaren verbirgt sich ein unglaublich charismatischer und verletzlicher Protagonist, ein etwas anderer Wendeverlierer, dessen Leben es wert ist, erzählt zu werden.

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Artefakte und andere Zumutungen

Wechselspiel (D 2013, Regie: Moritz Richard Schmidt)

Gleich nach den ersten beiden Einstellungen möchte man den Kinosaal am liebsten wieder verlassen. Das, was eigentlich Wasser in einem Schwimmbecken sein soll, ist kaum zu erkennen. Die Bilder sind ein einziger Artefaktehaufen, was, vereinfacht ausgedrückt, auf deutlich sichtbare Pixel-Blöcke hinausläuft, die insbesondere durch eine zu starke Kompression des Bildmaterials entstehen können. Diese Blockartefakte werden im weiteren Verlauf des Filmes von anderen unerwünschten Kompressionserscheinungen begleitet. So umgibt Objektkanten und Figuren stets ein auffälliger, körniger Rand. Farbnuancen (Schatten auf der Wand) verschwimmen zu einem unansehnlichen Brei. Und Hintergründe lösen sich nicht selten in einem kunterbunten Rauschen vollständig auf. Der Film sieht aus wie die ersten illegalen Downloads vor 10 Jahren, als Breitband noch ein bestauntes Novum darstellte. Das ist schlichtweg unzumutbar! Und irgendwem muss das am Ende der Postproduktion aufgefallen sein. Der Zuschauer, der für die Vorstellung Geld bezahlt und im Anschluss sein Fernsehbild daheim im Vergleich lobt und vielleicht nicht noch einmal ins Kino geht, sollte das jedenfalls nicht sein.

Irgendwas vergessen? Ach ja, der Film! Hier ist alles drin – HFF-XXL. Im Grunde genommen kann die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam ihre Pforten jetzt schließen, denn in „Wechselspiel“ findet sich nahezu alles, was jemals in einem deutschen Studentenfilme verhandelt werden könnte: Da ist die alkoholkranke Lisa, die für einen Tag aus der Therapie kommt und weder von ihrer schwermütigen, verlotterten Mutter noch von ihrem durch Burnout gefährdeten Bruder David aufgefangen wird. Da ist die verzweifelte Miriam, die 25.000 Euro für eine Operation ihres Vaters auftreiben muss und sich dafür ihrem schmierigen Chef hingibt, während ihr Freund verzweifelt versucht, das Geld in seiner zerrütteten Familie aufzutreiben. Da ist auch noch das junge Mädchen, das daheim die Mutter tot auffindet und nun mit ihrem behinderten Bruder allein zurechtkommen muss, was natürlich die Beziehung zum Freund auf die Probe stellt. Und dann ist da noch der Torwart, der nach Bekanntwerden seines Wechsels zu einem russischen Verein mit seiner Familie in Schwierigkeiten gerät. Denn die Spielerfrau will gar nicht nach Russland, weshalb nun um den Spielersohn gekämpft wird.

Zusammengehalten werden diese parallel geführten Geschichten von einem melancholischen Soundtrack, der zu jener Empathie führen soll, die aufgrund der Überladung des Filme mit knapp und motivationsarm erzählten Schicksalen einfach nicht entstehen will. Wenn die letzte Einstellung dann noch einen der Protagonisten im Krankenhausbett zeigt, während nur das konstante Piepen des EKG zu vernehmen ist, welches nach der Abblende hochschwanger weiter zwitschert, bevor es in den Abspann geht, dann weiß man in etwa, was die Stunde für das junge deutsche Kino geschlagen hat.

Einzig der Mut des Regisseurs, einen Ensemblefilm zu wagen, kann und muss honoriert werden, weshalb es an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt sei.

 

(Bildmaterial: © Alexander du Prel („Silvi“), HFF Konrad Wolf („Wechselspiel“), Müller Film („Dragan Wende“), Zischlermann Filmproduktion („Freiland“))

Foto: ©

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